Beeinträchtigungen und Gefährdung

Streuobstwiesen stellen eines der letzten großflächig vorhandenen, extensiv bewirtschafteten Ökosysteme der offenen Kulturlandschaft dar. In Deutschland bzw. in ganz Mitteleuropa verschwinden diese „Kulturbiotope“ zunehmend aus dem Landschaftsbild. Gefällte oder gerodete Hochstammobstbäume auf Flächen für neue Siedlungs- und Gewerbegebiete, entstellte und verstümmelte Obstbäume in noch vor Jahren intakten und bewirtschafteten Obstbaumalleen sind die Folgen unmittelbar einwirkender Gefährdungsfaktoren. Nachhaltiger beeinflussen indirekte Einwirkungen und Ursachen sowie Folgen mangelnder betriebswirtschaftlicher Ökonomie den Rückgang und das Verschwinden von Streuobstbeständen. Im Folgenden sind alle in Frage kommenden Gefährdungsfaktoren für Streuobstbestände in Deutschland aufgelistet (in Anlehnung an BLAB 1984; BÖNING-SPOHR 1994; BOOTZ 1987; HARANT (1995), HEIMEN u. RIEHM 1987; KEIPERT 1996; LOTT 1993; PLACHTER 1991; REICH, JAKOBUS u. ARNOLD 1987; RIETHMACHER u. LEMB 1987; RÖSLER 1986; SATTLER 1984; WEBER 1985).


Direkte Gefährdungsfaktoren


1. Erweiterung von Siedlungen in die ortsnahen Streuobstbereiche (meist ohne hinreichende Ausgleichsmaßnahmen bei gleichzeitiger Vernichtung des Bestandes).

2. Straßenbaumaßnahmen fielen während der letzten 40 Jahre zahllose Alleen und dorfnahe Streuobstflächen zum Opfer (Ortsumgehungsstraßen).

3. Flurbereinigungsmaßnahmen in der Vergangenheit zerstörten Streuobstbestände großflächig.

4. Rodung von Streuobstbeständen in den Altbundesländern zur Verminderung marktstörender Obstmengen, bedingt durch die bis 1974 von der EU gezahlten Prämien.

5. Umbruch von Grün- in Ackerland mit in der Regel einhergehender Obstbaumrodung zerstörte ehemals typische Obstbaumbestände.

6. Bei der maschinengerechten Grünlandnutzung wurden Obstbäume zumeist als Bewirtschaftungshindernis empfunden und vielerorts entfernt und die Gründlandnutzung intensiviert.

7. Ersatz oder Durchmischung von Streuobstbeständen mit Intensiv-Obstkulturen zerstören den Baumbestand und führen zum Eintrag von Dünge- und Spritzmitteln mit den bekannten negativen Folgen.

8. Schlechte Jungbäume werden nachgepflanzt, zum Teil nicht standortgerecht.

9. Die Beseitigung von Kleinstrukturen wie Holzhaufen, Rainen, Hecken zur rationellen Bewirtschaftung ergab einen Rückgang der Lebensraumvielfalt.

10. Fehlende Erhaltungsmaßnahmen (Schnitt, Nachpflanzung) führen zur Überalterung bzw. zum Zusammenbruch der Obstbestände.

11. Die großflächige Aufgabe der Unternutzung bedingt eine fortschreitende Sukzession bis hin zur Verwaldung und damit Auflösung der Streuobstbestände.

Indirekte Gefahrenursachen

1. Ungünstige Agrarpolitik der Länder, des Bundes und der EG zielt auf großindustrielle Landbewirtschaftung ab. Damit werden die kleinflächigen Nutzungsweisen und die Chancen, ökologisch verträgliche, extensive Landnutzung zu entwickeln und zu fördern, preisgegeben.

2. Gegen Erzeugnisse aus dem Streuobstbau sprechen gesetzliche Regelungen wie die Handelsklassenverordnung (qualitätsbezogen ohne Berücksichtigung innerer Fruchtparameter und des Verwendungszweckes).

3. Das Fachwissen über alte Sorten und deren Standorte wird immer seltener. Das Wissen der früheren Generationen wird nicht mehr weitergegeben. Daneben spielen ebenso die fehlenden Fachkräfte für die Pflege eine Rolle.

4. Die Pflege und Ernte in den Streuobstbeständen ist körperlich schwer und zeitaufwendiger als im bewirtschaftungsintensiveren aber hochtechnisierten Niederstammobstbau.

5. Globalisierung der Südfrüchtevermarktung, teilweise durch das veränderte Verbraucherverhalten und damit nachlassendes Interesse am Streuobst. Die niedrigen Aufkaufpreise für Streuobst drücken die betriebswirtschaftliche Rentabilität der streuobstbauenden Betriebe. Die aus deutscher Sicht billig eingeführten Konzentrate und Frischobstmengen wirken preisdrückend.

6. Die Werbung fördert das Interesse der Verbraucher an einer Vielfalt von Früchten in der täglichen Ernährung. Demzufolge werden kaum noch größere Mengen einer Obstart bezogen (nachlassende Einlagerung von Winterobst, fehlende Lagermöglichkeiten wie Keller und Dachböden in den zentralbeheizten Wohnungen).

7. Die Verbraucher sind an eine ganzjährige Frischobstversorgung (weniger Konserven) gewöhnt.

Folgen der Gefahrenwirkung
1. Rodungen,

2. fehlende Ersatzpflanzungen in überalterten Beständen mit abgängigen Obstbäumen,

3. ungenügend Anreiz für Neuanlagen,

4. das Denken der Generationen ist verloren gegangen (keine traditionelle Zukunftsvorsorge mehr),

5. unterlassene Pflege und nachlassende Bewirtschaft bestehender Bestände verbunden mit einer Verbrachung und Vebuschung des Streuobstbestandes, Preisgabe der Unternutzung (Schafhaltung, landwirtschaftlich-gärtnerische Kulturen im Rahmen der individuellen Hauswirtschaft vor allem in der ehemaligen DDR,

6. Intensivierung der Acker- und Grünlandnutzung und daran gekoppelte Beseitigung des Bewirtschaftungshindernisses Obstbau,

7. Verlust traditioneller Hochstammstandorte,

8. Intensivierung der Obsterzeugung über den Ersatz der Hochstämme durch Niederstammobst,

9. weiterer Rückgang der Kenntnisse zur Bewirtschaftung der Hochstamm-Obstbäume.

10. weiterer Rückgang der Kenntnisse zur Bewirtschaftung der Hochstamm-Obstbäume.

Die Größenordnung des Niedergangs ist von Region zu Region unterschiedlich ausgeprägt (13). Es ist auffällig, dass in den meisten (vor allem älteren) Publikationen in erster Linie Siedlungsflächenausdehnungen, Umwandlung, Vernachlässigung durch die Besitzer usw. als Ursache für den Streuobstschwund angegeben werden. Hier wurden vor allem die Streuobstbesitzer für den Rückgang verantwortlich gemacht. Die jahrzehntelange, staatlich gestützte Streuobstabwertung, die in Rodungsprämien gipfelte, wurde anfänglich verschwiegen und der Rückgang der wirtschaftlichen Bedeutung wurde allenfalls als ein gleichrangiger Grund genannt. Diese gleichwertige Einordnung der verloren gegangenen Rentabilität mit den anderen Gründen verschleierte das wirkliche Gewicht der wirtschaftlichen Entwertung, die neben dem veränderten Verbraucherverhalten der eigentliche Auslöser für die Umwandlung oder Aufgabe der Streuobstbestände war und ist. Erst in neueren Publikationen hat man erkannt, dass die Hauptursache für das Verschwinden des Streuobstes in seiner wirtschaftlichen Entwertung liegt. Die ersatzlose Umwidmung der Streuobstflächen für andere Nutzungen oder deren Vernachlässigung ist demnach nur der Ausdruck und die logische Konsequenz ihrer Entwertung.

(13) Ergebnisse der hessischen Streuobstwiesenkartierung lassen einen ca. 70prozentigen Rückgang der Bestände allein in den 1970er und 1980er Jahren vermuten (Verlust von ca. 2,3 -2,5 Mio. Bäumen (vgl. Hessisches Ministerium für Landwirtschaft, Forsten und Naturschutz 1988, Zillich-Olleck u. Riethmacher 1988, Pauritsch u. Harbodt 1988). Diehl (1988) belegt sogar einen 80 prozentigen Verlust an Hochstammbäumen seit 1951 in Hessen. In Franken erteilte dieses Schicksal jeden zweiten Obstbaum zwischen 1960 und 1988 ( Bayerisches Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen 1988). In Baden-Württemberg kann für den Zeitraum von 1965 bis 1982 von einem 85prozentigen Verlust des Hochstammbaum-Bestandes ausgegangen werden, wobei bis 1974 insgesamt 14.383 ha Streuobstwiesen durch geförderte Rodungsmaßnahmen beseitigt wurden ( Reich, Jakobus u. Arnold 1987).

 

 

 
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