Sonne, Meer und Sterne:
Florida - die weltgrößte, wachsende Urlauberstadt

Harald Kegler

„Sunshine State“: Wohn-Paradies und Ferien-Welt-Stadt

La Florida, die „Blühende“, nannten die Spanier vor 300 Jahren jene Halbinsel in der Karibik, die weltweit als die Inkarnation eines touristischen Paradieses gilt. Hier blüht heute vor allem das Geschäft mit dem Wachstum dieses neuen Wirtschaftszweiges. Mit jährlich über 49 Millionen Touristen nimmt Florida eine Spitzenposition in der Branche ein. (Brain, 2002:2) Zum Vergleich: Dies entspricht der gesamten Anzahl der In- und Auslandstouristen in Deutschland. (www.deutschland-tourismus.de) Neben den bekannten Traumstränden von Miami und den Disney-Parks um Orlando ist in den letzten 20 Jahren eine Vielzahl weiterer Destinationen entstanden. Das Paradies wächst und wächst.

Seit etwa 100 Jahren ist entlang der Küsten und dann im Inneren der Halbinsel ein umfassendes Siedlungsgebilde entstanden, das nur von den Everglades und anderen Naturschutzgebieten sowie militärischen Zonen unterbrochen wird.

Ein Vorgang spielte sich ab, der in den USA generell zu beobachten ist, aber in Florida besonders prägnant erscheint: „The City becomes the Nation“ (Holzner, 1996:117-119 sowie Müller/Rohr-Zänker, 2001:28-31). Doch es wäre zu einfach, Florida lediglich als sich zunehmend vollständig zersiedelndes Land mit herrlichen Stränden und Vergnügungsparks zu betrachten. Vielmehr zeichnet sich in den letzten Jahren ein Wandel im Wachstum ab.

Die Wachstumsdynamik Floridas resultiert aus einer beachtlichen Wirtschaftskraft. (GEO, Nr. 1 / Februar 1997:24ff sowie Brain, in: University of Miami, 2002:2) Mit fast 350 Mrd. Dollar Bruttoinlandsprodukt würde Florida auf Platz 18 in der Skala einer weltweiten Nationenwertung stehen – hauptsächlich erzeugt von der Tourismusindustrie. Die etwa 16 Millionen Einwohner des viertgrößten Bundesstaates der USA (gemessen an der Bevölkerungszahl) leben auf 150.000 km² und erfahren täglich einen Zuwachs von 900 Menschen (1950 hatte Florida noch 2,8 Mio. Einwohner) In jedem Jahr entsteht also eine Stadt der Größe von Halle/Saale, hauptsächlich generiert durch den Tourismus. Zunächst konzentrierte sich das Wachstum auf South Florida und dabei besonders auf Miami Dade (der Großraum Miami). Seit den 90er Jahren gewinnt der Nordwesten der Halbinsel an Attraktivität. Der Küstenstreifen zwischen Pensacola und Panama City verzeichnet die größte Dynamik – nicht nur quantitativ, sondern auch in einer neuen Form der Touristenstädte.

Das explosionsartige Wachstum der städtischen Räume hat sich überwiegend in Gestalt des „Urban Sprawl“ vollzogen. Fünf der größten Städte Floridas gehören heute zu den „TOP 20“ der Hit-Liste der sich am stärksten in die Landschaft ausbreitenden „Urban Sprawl Areas“ in den USA. So wuchsen im Zeitraum von 1990 bis 1996 die Einwohnerzahlen von Orlando um 28% und die zersiedelte Fläche um 68%. In Pensacola im Nordwesten sieht dieses Verhältnis noch gravierender aus: Bei ähnlichem Bevölkerungswachstum vergrößerte sich diese „Stadt“ flächenmäßig um 95%.

Miami Beach: Der Grundstein für die „Blüte“ Floridas

Brickell und Tuttle gelten als die beiden Gründer des modernen Florida. Er, Brickell, verkörpert den „Entdecker“ Floridas als idealer Wohnort im permanent warmen Klima. Dem steht die „Entwicklerin“, Tuttle, gegenüber. Sie hatte die Vision, aus Florida ein Paradies des Geschäftes mit dem Tourismus werden zu lassen. Der Eisenbahnmogul Flaggler schuf mit dem Bau einer Ostküstenbahn ab 1896 die entscheidende logistische Voraussetzung für das Entstehen des neuen „Paradieses“. Er trieb von Norden beginnend die Entwicklung von Hotels an den besten Stränden voran. So gründete er zum Beispiel in Palm Beach in dieser Zeit das Luxushotel Royal Poinciana. Zu diesem Hotel mit seinen 1400 Angestellten baute er eine Siedlung, West Palm Beach. Ein bis heute zu den besten Adressen an der Küste gehörender Ort setzte einen der ersten Meilensteine bei der Inszenierung der Badelandschaft. Andere Urlausparadiese wie Boca Raton oder Fort Lauderdale folgten. Gerade dieser, 20 km nördlich von Miami gelegene Ort, verdeutlicht in bemerkenswerter Weise das Anliegen der Developer, das „Niemandsland“ Florida durch städtebauliche Inszenierungen in eine touristische Adresse zu verwandeln. Fort Lauderdale wurde zahlreiche Kanäle und Brücken im Sinne eine „Venedig Amerikas“ gestaltet. Der wichtigste Architekt all dieser ersten Tourismusorte an der Atlantikküste war Addison Mizner. (Pinck,1993: 62-87) politischer und ökonomischer Hintergrund dieser Aktivitäten waren der wirtschaftliche Boom in den industrialisierten Bundesstaaten der USA, der eine vermögende Mittel- und Oberschicht hervorbrachte, welche als Konsumenten der Tourismusangebote fungieren konnte, sowie der amerikanisch-spanische Krieg 1895, in dessen Ergebnis Kuba und Puerto Rico an die USA fielen. Damit wurde eine Verbindung über den Seeweg notwendig, wofür Miami als geeigneter Hafenstandort in Frage kam. Nun konnte ein Developer beginnen, die Intentionen der beiden Visionäre Wirklichkeit werden zu lassen, Florida als Wohn- und Ferienparadies zu entwickeln. Dieser „visionäre Pragmatiker“ hieß Carl Fisher. (Lejeune/Shulman, 2000:10 ff)

Mit der Gründung der Alton Beach Realty Company im Jahre 1913 leitete Fisher eine neue, bis heute reichende Entwicklung ein, die Miami Beach zum Vorreiter für die „Tourist City“ (Judd/Fainstein, 1999:262) avancieren ließ, einer Stadt, deren ausschließlicher Zweck eine touristischer Nutzung ist. Unmittelbar der Natur „abgerungen“, steht Miami Beach in der Tradition der amerikanischen Stadtgründungen. Sie entwickelte sich zur markantesten Stadt, die ausschließlich für die neue Industrie der Tourismusbranche im 20. Jahrhundert gebaut wurde.

Heute ist Miami mit etwa 3 Millionen Einwohnern eine „Global City“, die, obgleich sie keine Tradition als große Metropole des Handels oder der Staatsverwaltung im 20. Jahrhundert hatte, als smartes Mitglied zu dem erlauchten Kreis der Knotenpunkte eines globalisierten Netzwerkes gerechnet wird. (Sassen, 1997:105)

„Tourist City“ Florida: Fünf Phasen des Wachsens und Wandels

Es lassen sich grundsätzlich fünf Phasen des Aufstiegs von Florida im 20. Jahrhundert zum Inbegriff eines Lebens im zeitweiligen oder dauerhaften Urlaub herausarbeiten. Sie bezeichnen gleichsam das Entstehen eines Mythos von der Freizeitgesellschaft schlechthin, die keine Grenzen ihres Wachsens kennt oder zu kennen scheint.

Erste Phase: Von der Wildnis zur erschlossenen Landschaft
Florida bot sich den Pionieren der Besiedlung als ein unwirtliches Land dar: Sümpfe und Dickicht, extreme Hitze und Luftfeuchtigkeit, Moskitos und Alligatoren sowie die obligatorischen Hurrikans waren alles andere als günstige Standortfaktoren für die Entwicklung eines Urlaubsparadieses. Doch ein lockendes Geschäft mit den weißen Stränden und der stets scheinenden Sonne ließ die Widrigkeiten der natürlichen Verhältnisse in den Schatten treten. Die Möglichkeit, wohlhabenden Geschäftsleuten aus den reichen Städten des Nordens, von New York bis Chicago, einen Urlaub in einem Gebiet, das ganzjährig Sonne und warmes Meerwasser bot, anzubieten, trieb den verwegenen Developer Fisher voran. Er setzte dabei auf zwei Marketingfaktoren für die Erschließung des touristischen Zielgebietes: das Auto und eine neue Architektur. Fisher gehörte zu den Protagonisten des Baus der Highways in den USA. Er trieb die Entwicklung eines Netzwerkes von Fernstraßen in Florida voran, um die Touristenstadt an den Rest des Landes anzubinden. Die Eisenbahn hatte ihre Schuldigkeit für die Urbarmachung Floridas getan. Die erste Autobrücke verband 1915 die „alte“ Stadt Miami mit der vorgelagerten Südspitze der Insel, und 1918 waren bereits 600 Meilen an Straßen von Miami Beach ausgehend errichtet worden.

Fisher gehörte zu den „Gläubigen des Maschinenzeitalters“ (Shulman, 2000:14). Nach seinen Vorstellungen sollte Miami Beach eine Symbiose von Landschaft und Maschine werden. Auto, später Flugzeug und Motorboot seien die Maschinen der Stadt. Die Architektur folgte diesem Gestus. Sie sollte den neuen Gründergeist repräsentieren und sich von den Neuenglandstaaten unterscheiden, um den Touristen ein anderes Lebensgefühl zu vermitteln. 234 Hotels und Apartments sowie über 300 Geschäfts- und Bürohäuser sowie eine Vielzahl an Wohnbauten für die Angestellten waren bis Mitte der zwanziger Jahre entstanden. Die ersten Anzeichen, dass die natürlichen Grenzen eines Wachstums erreicht werden können, zeigte der verheerende Hurrikan von 1926, dem nahezu die gesamte bis dahin errichtete Stadt auf der Südspitze von Miami Beach zum Opfer fiel. Mit dem Hurrikan und der anschließenden Weltwirtschaftskrise waren die Gründungsphase von Miami Beach und der „Great Florida Land Boom“ abgeschlossen.

Zweite Phase: Miami wird zum Modell der „Tourist City“ und Landschafts-Stadt
Der große „Post-Depression Boom“ von 1935 bis 1942 legte den eigentlichen Grundstein für das heutige Touristenparadies. In nur wenigen Jahren entstanden Hunderte neuer Hotels, Apartments, Villen, Geschäfte, ja ein ganzes städtebauliches Programm auf der Basis des verbliebenen Gründungsrasters der Stadt neu. Der beispiellose Bauboom wurde angefacht durch eine enorm gesteigerte Nachfrage im Zuge der Politik des „New Deal“ unter Roosevelt. Nun war es nicht mehr nur den Vermögenden möglich, in Florida die Ferien zu verbringen, sondern auch Arbeitern und Angestellten öffneten sich die Tore zum „Urlaubsparadies“. Der staatlich induzierte Nachfrageschub trieb den Bau der „Tourist City“ voran. In diesen Jahren entstand das heute berühmte Art Deco District, das zu den Markenzeichen der Touristenstadt Miami Beach geworden ist. Bei den über 800 Bauten, vom Wohnhaus bis zum mondänen Hotel, von der Tankstelle bis zum Theater, von der Post bis zu den unzähligen Restaurants , Bars und Swimming Pools handelt es sich lediglich um den heute unter Schutz gestellten Teil eines um ein Vielfaches größeren Stadtgebietes. Der District vermittelt in besonderer Weise die Idealvorstellungen einer Urlauberstadt. Die städtebauliche Anlage fußt auf einem versetzten Raster, das im Zentrum und entlang des Strandes durch öffentliche Parks akzentuiert wird, z.B. im Sinne von Olmstedts Planung für New York.

Hinsichtlich der Vorstellungen von einem Wohnparadies gewann ein anderer Stadtteil von Miami, Coral Gables, einen Mustercharakter. Er wurde parallel zu Miami Beach durch den Developer Merrick in den 1920er Jahren beginnend gebaut. Dieser errichtete eine Landschafts-Stadt mit reichen Grünzügen, Alleen und parkartigen Plätzen sowie einer öffentlichen Golfanlage und einem szenischen Freibad, dem Venetian Pool, Schulen, Hotels und Restaurants. Die Architektur entstammt der spanischen Tradition und stellt symbolisch das Gegenstück zum sehr urbanen Art Deco Gebiet der Touristen dar. Mit Opa Locka, im Norden von Miami gebaut, wurde die Serie der inszenierten Orte weitergeführt – eine Stadt im orientalischen Stil. Derartige Inszenierungen stellen Versuche zum Aufbau einer Identität im traditionslos empfundenen Amerika dar. Diese bis heute erhaltenen Wohnanlagen gelten neben Venice von John Nolen an der Westküste, die ebenfalls in den 1920er und 1930er Jahren errichtet wurde, zu den historischen Bezugspunkten des gegenwärtigen Umbauprogramms für die Stadt-Region Florida. (Stern, 2002)

Dritte Phase: Transformation und Aufstieg zur weltweiten Touristendestination
Während des 2. Weltkrieges wurde Südflorida als Trainings- und Aufmarschgebiet genutzt. Die Hotels von Miami Beach mietete die Armee, um Soldaten unterzubringen. Das kriegsbedingte Ausbleiben der Touristen konnte kompensiert werden. Nach dem Krieg kamen viele der Soldaten in Erinnerung an das angenehme Klima und die städtebauliche Atmosphäre hierher zurück. Miami Beach hatte die zumeist aus suburbanen Gegenden stammenden ehemaligen GIs geprägt. Die „Baby Boom Jahre“ des Nachkriegsaufschwungs verhalfen Miami zunächst zu einem weiteren Wachstum. Vielen Bewohnern der nördlichen Bundesstaaten, darunter viele Rentner, wurde es möglich, längere Urlaube in Florida zu verbringen. Sie wurden zu den Wegbereitern heutiger Dauerurlauber.

Doch seit den 1960er Jahren verblasste langsam der gerade neu gewonnene Status. Mehrere Einwanderungswellen aus Kuba und anderen karibischen Ländern überrollten Miami. Die Stadt wurde binnen weniger Jahre zu einem vornehmlich spanisch sprechenden Gebiet. Eine so rasante soziale und ethnische Transformation hat keine andere amerikanische Stadt erlebt. Waren 1960 noch 65% der Bevölkerung Weiße, zuzüglich 15% Weiße mit jüdischem Glauben, und 5% Hispaniolas sowie 15% Schwarze, so sind es im Jahr 2000 bereits nur noch 19% Weiße (und 6% Weiße mit jüdischem Glauben), aber 57% spanisch Sprechende (19% Schwarze). Dieser Trend setzt sich ungemindert fort. (Boswell, 2002) So leben heute im Kern von Miami 314.000 Weiße, 316.000 Schwarze und 1.241.000 Hispaniolas. Die weiße Bevölkerung, die bis in die 1950er Jahre nach Miami kam, wandert zunehmend in die Vororte, bei gleichzeitigem relativem Schrumpfen. Aber auch innerhalb der nichtweißen Bevölkerung findet eine radikale Transformation statt. 1960 waren 90% der dieser Bevölkerungsgruppe Kubaner. Im Jahr 2000 beläuft sich diese Zahl nur noch auf 50%. Die anderen kommen vermehrt aus dem gesamten karibischen Raum, aber auch aus anderen Teilen der Welt. Florida mutierte seit den 1960er Jahren zu einem der größten Einwanderungsgebiete der USA. Die Vielzahl der hier lebenden Ethnien bietet die Voraussetzung für das Anziehen weiterer nichtweißer Bevölkerungsgruppen. Diese Zuwanderung macht den größten Teil des Bevölkerungswachstums Floridas aus. Verursacht wird sie durch die ökonomischen Anreize, die die boomende Tourismusindustrie bietet.

Eine paradoxe Situation stellte sich in den 1960er und 1970er Jahren ein. Mit einer durch den Tourismus, aber auch durch die politischen Verhältnisse in Kuba beförderter Zuwanderung verschlechterten sich die Bedingungen für die Touristen selber. Miamis Stern als Touristenmetropole begann zu sinken. Die Touristen sahen sich mit einer sozialen Transformation konfrontiert, deren Begleiterscheinungen Kriminalität, Drogenhandel, Armut und Verwahrlosung waren. Miami mutierte zu einer der Städte mit der höchsten Kriminalitätsrate der USA.

Der Schwerpunkt des Tourismusgeschäftes begann sich nach Norden zu verlagern, und ein neuer Stern stieg auf: Disney. Nach den Anfängen in Hollywood, begann der Konzern ab 1964 mit der Erschließung neuer Territorien mitten in Florida. Südlich von Orlando erwarb dieser riesige Areale an Sümpfen und Plantagen. Der gewaltige Landbesitz, der, einzigartig in den USA, den Status eines eigenständigen Regierungsbezirkes erhielt, wurde zur Basis für den Bau einer ganzen Kaskade von Themenparks. Am 1. Oktober 1971 eröffnete „Magic Kingdom“. Diesem folgten weitere 13 Themenparks, nicht nur von Disney betrieben. 37 Millionen Besucher zählten diese allein 1995. (GEO, 1997:74) Mit knapp 90.000 Mitarbeitern und 19 Mrd. Dollar Umsatz gehört dieses Imperium der Touristenindustrie zu den weltgrößten der Branche und zum gewaltigen Wachstumsmotor von Florida. Neben Disney bieten lediglich die Armee und die Rüstungsindustrie (z.B. Lookheed-Martin bei Orlando) noch eine größere Anzahl an Arbeitsplätzen.

Ende der 1970er Jahre, es rollte wieder eine neue Welle von Flüchtlingen aus Kuba in Miami an (allein 80.000 in nur zwei Wochen), regten sich in Miami Beach Kräfte, die der Abwärtsentwicklung der Stadt eine Wendung verleihen wollten. 1978 gelang es einer Gruppe Kunst- und Designliebhaber unter Führung von Barbara Capitman in Miami Beach, eine Quadratmeile im Südteil der Stadt, die Kernzone des Art Deco Districts, auf die Liste des „National Register of Historic Places“ zu setzen und damit die kulturelle Bedeutung dieses Ortes im nationalen Zusammenhang zu reaktivieren. Es begann ein neuer Traum von Miami Beach Platz zu greifen: die Restaurierung der einst leuchtenden Touristenstadt. (Camber, 2000:6) Schrittweise wurden die z.T. bereits verfallenden Hotels und Restaurants von privaten Investoren und den Eigentümern wiederentdeckt. Der kulturellen Transformation des Ortes folgte die bauliche und mit dieser einhergehend allmählich ein wirtschaftlicher Wiederbelebung. Mit den Flüchtlingen aus Kuba waren auch Initiatoren des Handelsgeschäfts mit Lateinamerika nach Miami gekommen, deren Aktivitäten auch zum Wachsen von ökonomischen Ressourcen führten, die eine Basis für die Wiederbelebung des Ortes darstellten. In diesem Kontext muss natürlich auch auf den Drogen- und Waffenhandel verwiesen werden, der in Miami auch einen Platz im Handelsgebaren einnahm. Hinzu kommt die amerikanische Steuergesetzgebung, die verfallende Bauten bei erkennbar anhaltender Vernachlässigung durch die Besitzer nach einer gewissen Zeit in das Eigentum der Kommune überführbar macht, was einen Druck auf die Investitionstätigkeit ausübt.. Die Aktivitäten der „Art Deco Preservation League“ unter Leitung von Barbara Capitman gaben die kulturelle Richtung der Wiederbelebung des Stadtteils vor und setzten durch Ausstellungen und Konferenzen Ziele und Maßstäbe der Erneuerungsstrategie, in welche sich – in langwierigen Auseinandersetzungen - die privaten Akteure der Erneuerung von Miami Beach einfügten. (Camber, 2000:6)

Zu Beginn der 1990er Jahre war Miami Beach „wiedererstanden“. Der „Mythos“ der paradiesischen Stadt wird seitdem durch die Tourismusindustrie in einer beispiellosen Werbekampagne genährt. Mit großem Erfolg zieht Miami seitdem wieder Besucher aus aller Welt an. Der Umbau der Touristenstadt ging einher mit der Transformation der „Altstadt“ zu jener smarten „Global City“, einem „Gateway“ nach Südamerika. Miami hat sich „in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Verwaltungs-, Management- und Forschungszentren“ in dieser Hemisphäre entwickelt (Sassen, 1997:108). Bankniederlassungen (Platz 4 in den USA) und der weltweit größte Kreuzfahrthafen (2,5 Mio. Kreuzfahrertouristen im Jahr) gehören zu den Markenzeichen des neuen Miami. (Pinck, 1993: 55) Der Wandel, den Miami als Wachstumsmotor neben Orlando seit den späten 1980er Jahren auszeichnete, war bedingt durch einen Wechsel der dominierenden Branchen – vom Inlandstourismus und Einzelhandel zu finanz- und unternehmensbezogenen Dienstleistungen sowie zum internationalen Tourismus. (Sassen, 1997:110) Miami Beach ist dabei jedoch nicht zu einer „Gated Community“ für Touristen geworden. Heute herrschen hier ein Nebeneinander von lateinamerikanischem Alltag und weltstädtischem Flair. Der Bürgermeister von Miami Beach setzt in seiner Marketing- und Stadtentwicklungspolitik, im Gegensatz zu New York, nicht auf „zero tolerance“, sondern auf Vielfalt sowie auf eine Koexistenz der verschiedenen Bevölkerungsgruppen und der Touristen. (Miami New Times am 19. Juni 2002:26) Das gehört mit zu dem Erfolgsrezept der Stadt.

Vierte Phase: die ganze Halbinsel wird zum Siedlungsgebiet – Grenzen werden sichtbar
Mit der sozialen und ethnischen Transformation von Miami sowie dem Anwachsen der Dienstleistungsbranchen vornehmlich für die Tourismusindustrie im Großraum Orlando begannen seit den 1970er bis 1990er Jahren die rasante Bebauung der Küstenzonen am Atlantik und am Golf von Mexiko. Hier siedelten sowohl die weißen Mittelschichten, welche die Innenstädte vornehmlich wegen wachsender Kriminalität und sich drastisch verschlechterndem öffentlichen Bildungswesen verließen, aber auch die farbigen Angestellten der Dienstleistungswirtschaft. Dabei reicht das Spektrum von umgrenzten Oberschichtsiedlungen („Gated Communities“) bis zu „Mobile Homes“ - Wohnbereichen. Die hauptsächliche Siedlungsform ist jedoch das freistehende Einfamilienhaus am „cul de sac“ (der Sackgasse) irgendwo in einer „Housing Subdivision“ im endlosen Siedlungsbrei. Da Florida in vielen Teilen unbebaubar ist (im südlichen Teil versperren die Everglades, im zentralen Bereich die große Seen sowie Plantagen und im Norden Naturschutzareale einer Bebauung den Weg), ergibt sich lediglich entlang der Küsten ein Korridor für den Siedlungsbau. Dieser Streifen von Daytona Beach bis Key West am Atlantik kann mit mehr als 700 km als eine der längsten suburbanen Bandstädte der Welt bezeichnet werden.

Neben den beiden Hauptquellen des Stadtwachstums, der Neuansiedlung von Immigranten und der Abwanderung weißer Mittelschichten aus den Kernzonen der Städte in den „Sprawl“ entstand seit den 1980er Jahren eine neue Zuwanderungserscheinung: die „Baby-Boom“-Generation und die Senioren als permanente Urlauber. Die Zahl derer, die ihren Lebensabend in der Sonne, am Meer und in den turbulenten Seniorenapartments verbringen möchten, steigt stetig an. Reine Rentnerstädte wie in Arizona gibt es in dieser reinen Form jedoch kaum in Florida. Eher entstehen „50-Plus“-Sielungen. So soll ein Stadtteil von Celebration, der Stadt, die durch den Disney-Konzern entwickelt wird, ab 2003 als ein „Village“ für Menschen über 50 Jahre gebaut werden. Die Entwickler setzen auf die inzwischen vermögenden Mittelschichtender Geburtenjahrgänge aus den 1940er und 1950er Jahren. (www.arvida.com/celbration.asp) Der Pensionär auf Dauerurlaub und der „Mittelklässler“ um die 50, der seine Zweitwohnung am Strand bezieht, werden zu immer häufiger anzutreffenden touristischen Einwohnern. Ein neuer Wachstumsmarkt entsteht, der sich vor allem auf die Gebiete im Nordwesten Floridas konzentriert. (St. Joe, 2001:6)

Diese beiden Bevölkerungsgruppen avancierten zu den Pionieren für die Nachfrage für den Urlaub in einem neuen Stadttyp, der Resort City. Nicht mehr die Hotelburgen sind das begehrte Ziel, sondern ein Urlaub in urbaner Atmosphäre. Miami Beach hat es vorgemacht. Die meisten der Inlandstouristen kommen aus dem Sprawl. Im Urlaub sehnen sie sich nach Gemeinschaft, Nachbarschaft, Begegnung und nach Fußläufigkeit, kurz: nach der Kleinstadt. Ein Rezept, das der Disney-Konzern mit seinem Angebot der inszenierten Urbanität, z.B. der „Main Street“ im „Magic Kingdom“, bereits erfolgreich realisiert hatte. (Dialer, 2002:39) Nun entstehen entlang der bisher noch nicht so erschlossenen Küste im Nordwesten Floridas Ferienstädte, die das ganze Jahr über ununterbrochen von Touristen bewohnt werden. Sie funktionieren wie reale Städte, doch ihre Bewohner leben nur auf Zeit dort. Damit hat Florida die vermutlich letzte Phase des quantitativen Wachstums erreicht. Die Halbinsel erfährt nun ihren letzten Verstädterungsschub und wird bis auf gesperrte Areale vollständig bebaut sein. Die absolute Grenze des Siedlungswachstums in den zur Verfügung stehenden Küstenstreifen dürfte in relativ kurzer Zeit erreicht sein.

Fünfte Phase: Umbruch im Wachstum – Grenzen und Qualitäten
1994 war ein denkwürdiges Jahr für den Wandel einer Wachstumspolitik. Der Staat Florida beschloss den „Everglades Forever Act“, ein Gesetz zur Renaturierung des Wasserreservoirs der Halbinsel. Unter dem Druck der wachsenden Bevölkerung und des Touristenansturmes, aber auch der Ausbreitung der Siedlungsfläche, wurden die Everglades in den letzten 100 Jahren, vor allem aber nach dem 2. Weltkrieg, auf die Hälfte ihrer Fläche reduziert. Nicht allein diese Verringerung der Fläche, sondern die Reduzierung der ursprünglichen Wassermenge auf ein Fünftel bewirkten ein radikales Umdenken. (GEO, 1997:96) Die Versorgung des Großraumes Miami war gefährdet. Dies alarmierte die Behörden und die Öffentlichkeit. Wassermangel auf der einen Seite und Überflutungen wegen ungenügender Absorptionsflächen für die Wassermassen, die jährlich durch die Hurrikans und Stürme der Regenzeit herangebracht werden, auf der anderen ließen eine Kurskorrektur der Wasserpolitik reifen. So konnte dieses Gesetz zur umfassenden Renaturierung und zur Fixierung von Grenzen der Ausbreitung der Siedlungsfläche verabschiedet werden. Danach sollen mit einem Aufwand von 2 Mrd. Dollar in 15 bis 20 Jahren die Kanalisierungen der wichtigsten Flüsse und die Stauwerke zurückgebaut und das gesamte Wassersystem wieder dem Rhythmus der Natur angepasst werden. Ein gigantisches Unterfangen, das Überleben in Florida zukünftig zu sichern. Der Ausgang dieses Programms zur Herstellung einer Balance im Wachstum ist offen. Zweifelsohne begann der eigentliche Prozess zur Umsteuerung der Flächenverbrauchspolitik erst, als das Faktische der Grenzen des Wachstums zur Handlung zwang. Dieser Erkenntnisvorgang trifft wohl grundsätzlich für die Politik in den Industriestaaten zu, vorausschauende Planung erweist sich oft als Kassandraruf. Das Wachstumsparadigma obsiegt zumeist und kann nur in einem von Verlusten an natürlichen und kulturellen Ressourcen begleitenden Auseinandersetzungsprozess gebrochen bzw. gemildert werden. Insofern ist auch Florida ein Lehrbeispiel.

In den USA hat sich in den 1990er Jahren eine Bewegung gebildet, die sich diesem grundsätzlichen Problem der Industriegesellschaft annimmt und versucht, Brücken zwischen den Akteuren in Politik, Wirtschaft, Planung und Umweltbewegung zu bauen und eine langfristig und ökologisch orientierte Entwicklungspolitik zur Basis aller Aktivitäten zu erheben: „Smart Growth“ ist deren vieldeutiger Name. Inzwischen sind sogar einige Bundessaaten der „Smart Growth“-Bewegung beigetreten, z. B. Maryland. Die Art der Bildung von Koalitionen zwischen antagonistischen Kräften gehört zu einem Zug in der Auseinandersetzungskultur in den USA. Ein sicher nicht risikofreies Unterfangen für die Erreichung von Umweltschutzzielen und Sozialstandards, doch eine praktikable Alternative zeichnet sich zur Suche nach Vernunftpartnerschaften nicht ab Es bestehen enge Beziehungen zwischen „Smart Growth“ und „New Urbaniusm“, deren gemeinsame Schnittmenge in dieser Kultur der Koalitionen besteht.

Neben dem Reagieren auf die natürlichen Grenzen des Wachstums, stellt sich zunehmend die Frage nach Möglichkeiten eines „inneren Wachstums“. Bei anhaltendem Zustrom von Menschen und einem immer weniger verfügbaren Siedlungsraum, entsteht die Notwendigkeit des Umbaus der vorhandenen Bereiche und deren Verdichtung. „Areas in Transition“ lautet der Ansatz, wie er z.B. während des X. Kongresses des New Urbanism in Miami 2002 erörtert wurde. Stadtumbau auf amerikanisch heißt demnach, den enormen sozialen, kulturellen und städtebaulichen Wachstums- und Transformationsdruck zu kanalisieren. Über 60 Projekte des New Urbanism in Florida, die in den letzten Jahren entstanden, dokumentieren die praktischen Ansätze dieses Umbaus. (Florida Atlantic University/University of Miami, 2002:II-III) Obwohl angesichts der Rasanz des Wachstums diese Versuche als ein nahezu aussichtsloser Wettlauf mit der Zeit erscheinen, reift durch diese Projekte allmählich ein Verständnis über den qualitativen Wandel des Stadtwachstums auch bei den Akteuren des Immobilien- und Wohnungsbaumarktes. Dieser Wandel lokalisiert sich vor allem in den zu neuen „Edge Cities“ werdenden Touristenorten. Damit wird ein sich seit gut zehn Jahren abzeichnender Trend zur Ausbildung eines polyzentrischen Systems im Sprawl in den USA insgesamt in Florida durch spezifische Resort-Edge-Cities unterstrichen. New Urbansim spielt dabei eine wichtige Rolle und Miami Beach kann als früher Pionier angesehen werden: Sie war die erste derartige touristische Randstadt.

Planungslaboratorium Florida: das Umbauprogramm der wachsenden Stadt

Das atemberaubende Wachstum der Städte und des Tourismus veranlassten die staatlichen Behörden Anfang der 1970er Jahre, sich mit den ersten Folgen der ungebremsten Zersiedlung zu beschäftigen. Vor allem der Verlust von Farmland und ein steigender Wasserverbrauch waren die Gründe für Gesetzesvorhaben und Regulationsinitiativen. (Brain, 2002:2,3) Der Gouverneur des Bundesstaates, Askew, berief 1971 eine Gruppe von 150 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Umweltbewegungen als Mitglieder in die „Water Management in South Florida Commission“. Diese Gruppe verfasste im gleichen Jahr den ersten umfassenden Umweltplan der USA für den gesamten Bundesstaat, in welchem ein bis zum Jahr 2000 reichendes Schutzprogramm für gefährdete Landschaften und Wasserressourcen dargestellt wurde.

Diesem Vorhaben folgte 1975 ein Gesetz zur Landesplanung, das jede Stadt und jeden Bezirk veranlasste, einen Plan für den Schutz von sensiblen Landschaften, der wichtigsten Flächennutzungen und vor allem des Managements des Wachstumsprozesses zu erstellen. Kernelemente dieser Pläne waren die Festlegung von Grenzen für das maximale Wachstum der Siedlungsfläche. Diesen ersten, kaum wirkungsvollen Versuchen, das Wachstum zu lenken, folgten in der 1990er Jahren Initiativen für ein „Sustainable South Florida“.

All diese Planungen sehen sich in einer Tradition der Planwerke für die Stadtlandschaft von John Nolen. Er entwarf 1922 den ersten Gesamtplan für das „Eden Florida“. Diesem folgten 34 weitere Planungen – ein Netzwerk unterschiedlicher Dimensionen, das letztlich weite Teile des Staates in ein landschaftliches Paradies verwandeln sollte. Einiges, z.B. die Gartenstadt Venice, ist umgesetzt worden, das meiste blieb ein optimistischer Ausblick auf die zukünftige Landschafts-Stadt Florida.



In der kritischen Wertung dieser Initiativen muss, bei allem Respekt vor den Versuchen, den Sprawl einzudämmen und die natürlichen Ressourcen zu schonen, festgestellt werden, dass zunächst nur die Ausbreitung des Sprawl effektiver gemacht wurde. Andererseits boten diese Planungsinitiativen und die reichen Traditionen der Landschaftsgestaltung und des Siedlungsbaus der 1920er bis 1940er Jahre ein Milieu, in welchem Kräfte, die alternative Wege beschreiten wollten, gestärkt wurden.
In den 1980er und vor allem 1990er Jahren zog Florida Akteure an, die Institutionen gründeten und Projekte entwickelten,

Sprawl in Florida


welche begannen, dem Sprawl Alternativen entgegen zu setzen und erste praktische Vorhaben zu realisieren. Es war ein Klima der Reformen und der Experimente entstanden, das an Universitäten, in Kommunen, in Planungsbüros, aber auch bei einigen Developern Wirkung zu zeigen begann. Florida wurde zu einem Vorreiter für eine qualitative Änderung der Wachstumspolitik. (Calthorpe/Fulton, 2001:185-188)

Die Zukunft des Stadtwachstums: New Urbanism und Subdivision-Planung


Wenn man bedenkt, dass etwa 60% der US-Amerikaner in „Subdivisions“, d.h. einem Einfamilienhaus an einer Sackgasse irgendwo abseits eines Highways, also im Sprawl leben, dann wird die Dimension eines Umbaus deutlich. Erst wenn die Nachfrage für andere Wohnformen verändert wird, können sich neue Verhaltensweisen in größerem Stile durchsetzen und der Sprawl wirksam bekämpft werden – so jedenfalls der Ansatz des New Urbanism zur kulturellen „RE-Urbanisierung“ der US-Gesellschaft. Weite Teile der USA-Gesellschaft müssen die urbane Kultur erst lernen, sie kommen nicht aus den Städten mit den spezifischen Verhaltensweisen, kulturellen Mustern und Konflikten. Sie sind „Sub-Urbaniten“, die in eine Gemeinschaft zurückgeführt werden sollen, ohne die harten Auseinandersetzungen der existierenden Städte zu erleben.

Und dies soll unter Nutzung der Marktmechanismen erfolgen, ein nahezu utopischer Reformansatz, der jedoch realen Notwendigkeiten der inzwischen immer sichtbarer werdenden Probleme des „American Beauty“ im wachsenden Sprawl entspringt. Diese gehören inzwischen zu den wichtigsten Themen der öffentlichen Debatten in den USA. (Bodenschatz, 2000:29)

Zwei Beispiele verdeutlichen die Pole, zwischen denen sich zukünftig die Versuche zur qualitativen Steuerung des Wachstums bewegen werden: Haile Village Center, ein New Urbansim - Projekt in der Nähe von Gainsville, und das „Regional City“ -Projekt der St.-Joe-Entwicklungsgesellschaft für den Nordwesten Floridas.

Seit Ende der 1970er Jahre wurde unweit der Universitätsstadt Gainesville ein 1700-acre–Wohngebiet (1 acre entspricht etwa 4.000 m²), Haile Plantation, nach den für Subdivisions üblichen Prinzipien des autoorientierten Einfamilienhausbaus erschlossen. Vorrangig Angestellte der Universität zogen hier ein. Seit Anfang der 1990er Jahre begann der Bau eines Zentrums, der einem neuen Konzept folgte und nicht einfach einen Supermarkt mit riesigem Parkplatz anlegte. Dieses neue Zentrum, das als Kleinstadtstraße implantiert wurde, sieht entlang differenzierter Platzfolgen eine Mischung an öffentlichen Nutzungen, wie Geschäfte, Restaurants, Pensionen, das Rathaus mit einem öffentlichen Versammlungssaal und Dienstleistungseinrichtungen in den Erdgeschosszonen sowie Wohnangebote für unterschiedliche Bewohnergruppen in zweigeschossigen Reihenhäusern vor. Das Zentrum umfasst ca. 50 acre und ist konsequent fußläufig zu erschließen. Die von den Stadtplanern Kramer und Kaskel entworfene romantische Straßenführung erinnert an eine Renaissance der Stadtbaukunst um 1900. Doch die historischen Vorbilder allein taugen nur soviel, wie sie für die soziale und die Marktsituation um 2000 planerisch neu interpretiert werden können. Dies ist in Haile Village Center offenbar gelungen. Die Marktnachfrage hat die Planung bestätigt. Die straßenbegleitenden Läden in der Mainstreet werden angenommen, alle vorgesehenen Verkaufsflächen entlang der Straße sind vermietet bzw. verkauft. Die gebauten öffentlichen Einrichtungen werden von den Bewohnern rege frequentiert. Das inzwischen fertig gestellte Implantat wirkt zwar immer noch fremd in den Weiten des Sprawl um Gainsville und wurde auch zunächst zögerlich angenommen, doch hat es sich schließlich nach etwa 10 Jahren durchgesetzt. Fußläufigkeit, Begegnung im öffentlichen Raum, gewährleistete öffentliche Zugänglichkeit, kurze Wege zu den Wohnbereichen und soziale Mischung sind Kriterien, die die Charta des New Urbanism fordert, der sie jedoch bislang nur selten umfassend einzulösen vermochte – in Hale Village Center wurden sie bislang verwirklicht. (Bodenschatz/Kegler, 2000:52-54)

Es wurde der Versuch gestartet, Poesie und menschliche Dimension in den Städtebau zurückzuholen und damit eine Debatte um den qualitativen Umbau des Sprawl voranzutreiben. Er deutet eine wichtige Richtung an: die Stadtbaukunst für die postmoderne Re-Urbanisierung neu zu erfinden und der Ästhetik einer Stadt ohne Eigenschaften, wie sie Rem Koolhaas programmatisch als Zukunftsvision aus der neuen Quantität der urbanen Architektur der Großstädte ableitet, eine andere, aber ebenso konstruierte Zukunft für die Weiten des suburbanisierten Landes entgegenzusetzen. (Speaks, 2002:67)

Gleichzeitig besteht weiterhin der Expansionsdruck. Einen Weg, diesen in qualitativ neue Bahnen zu lenken und auf diese Weise ökonomisch zu verwerten, beschreitet die St.-Joe-Company, der größte Landbesitzer der USA, mit Sitz in Jacksonville, Florida. Hervorgegangen aus einem Forst- und Holzverarbeitungsunternehmen, betreibt diese Gesellschaft über eine Reihe von Tochterunternehmen private Regionalentwicklung. Faktisch der gesamte Nordwesten des Bundesstaates Florida wird durch St. Joe entwickelt. Das Unternehmen verfolgt dabei einen sehr komplexen Marketingansatz. Es geht nicht nur um Erschließung und Vermarktung von Bauflächen, sondern um einen holistischen Ansatz: Von der Infrastruktur, über Naturschutz bis zum Bau und Betrieb von Resort-Cities, vom Flugplatzbau bis zu Renaturierungen reicht das Spektrum der Entwicklungstätigkeit des Unternehmens. Der Staat hat sich auf die Rolle des Festsetzens von Grenzen für den Verbrauch natürlicher Ressourcen, insbesondere für die Wassereinzugsgebiete, sowie auf die Ausweisung von Militärbasen und Bundesstraßen beschränkt. Alles andere entwickelt St. Joe. Und Robert Stern, der Planer von Celebration, ist der Chefarchitekt.


Kern des regionalen Entwicklungsprogramms ist eine Kaskade von 15 Resort-Cities entlang der Golfküste, die weitgehend im Bau sind. Diese greifen viele der Prinzipien des New Urbanism auf. So werden separierte Kleinstädte und keine Hotellandschaften errichtet, Naturschutzgebiete als Pufferzonen angelegt und Fußläufigkeit garantiert. Dazu kommen Dienstleistungszentren und ein Regionalflugplatz sowie eine Reihe von Wohnanlagen, die – und das ist bemerkenswert - sowohl als Subdivision (z.B. James Island) als auch als „Traditional Neighbourhood Development“-Anlagen des New Urbanism, d. h. als verdichtete Nachbarschaften nach dem Vorbild Siedlungsbaus aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ausgebildet werden, je nach Marktlage.

Es ist eine „Regional City“ im Bau, die ein Stadtwachstum in Ansätzen jenseits des Sprawl verfolgt, jedoch in sich widersprüchlich bleibt. Das Durchsetzen von neuen städtebaulichen Prinzipien gerinnt zum Balanceakt. Die regionale Entwicklung durch große Developer stellt eine der wichtigsten Herausforderungen, mit Chancen, aber auch Risiken „neofeudaler Steuerung“ dar. Das hat der X. Kongress des New Urbanism in Miami 2002 verdeutlicht. (www.cnu.org)
Die amerikanische Gesellschaft beginnt zu dem Zeitpunkt, da sich der Traum ihrer Gründer, das ganze Land in eine große landschaftliche Siedlung zu verwandeln, im Sprawl verlaufen hat, langsam und stückweise der Folgen des selbstbestimmten Weges in das unbegrenzte Wachstum der Städte anzunehmen und zugleich neue Wachstumsmodelle zu erproben. Die Lösungssuche hat erst begonnen. Obwohl inzwischen in den am stärksten vom Sprawl betroffenen Gebieten der USA, der Ost- und Westküste, den Staaten des mittleren Westens und des Südes, Projekte des New Urbanism entwickelt werden, finden sich im Südosten und insbesondere in Florida, aber auch in Kalifornien und North Carolina die meisten Vorhaben, wie die offizielle Statistik offenbart. (New Urban News, 7/2001: 5, 6) In vielen Staaten des mittleren und nördlichen Westens, die ebenfalls maßgeblich vom Sprawl betroffen sind, gibt es noch keine New Urbanism Projekte, ein Indiz für die fehlende strukturelle Basis dieser Bewegung. Die Statistik besagt auch, dass etwa zwei Drittel der Projekte sog. Greenfield-Vorhaben sind, d. h. auf der „grünen Wiese“ geplant werden, was nur in Ansätzen den hehren Zielen der CNU-Charta entspricht. Doch immerhin sind bereits 25% sog. Infill-Projekte, d. h. Vorhaben des Umbaus des Sprawl, wie es Hale Village Center repräsentiert. Sie stellen wichtige Schritte auf dem Wege zum „Umpolen“ des Wohn- und Städtebaumarktes im Sinne einer weniger autoorientierten, sozial gemischten, letztlich nachhaltigen Entwicklung dar, was umso bemerkenswerter erscheint, da nur, was sich auf dem Markt durchsetzen kann, in den USA eine Chance hat, Änderungen zu bewirken. Mit „Feldversuchen“ für diesen Wandel im Wachstum ist Florida somit seit den 1990er Jahren eines der wichtigsten Laboratorien in den USA.

Literatur

BODENSCHATZ, Harald (2000): New Urbanism - Die Neuerfindung der amerikanischen Stadt, in: Stadtbauwelt 145, 12/2000, 22-31

BODENSCHATZ, Harald und KEGLER, Harald (2000): Städtebaureform auf Amerikanisch: Projekte des New Urbanism. In: Stadtbauwelt 145, 12/2000, 42-59

BOSWELL, Tom (2002): Vortrag auf dem 10. Kongress des CNU, Miami

BRESSI, Todd W. (2002): The Seaside Debate - A Critique of the New Urbanism, New York

CALTHORPE, Peter; FULTON, William (2000): The Regional City, Washington, Covelo, London

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DUANY, Andres; PLATER-ZYBERK, Elizabeth (1992): Towns and Town-Making Principles, New York

ELLIN, Nan (1999): Postmodern Urbanism, New York

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JUDD, Dennis R.; FAINSTEIN, Susan S. (1999): The Tourist City, New Haven und London

KEGLER, Harald (1998): Mehr als Sehnsucht nach der alten Stadt: New Urbanism in den USA, in: Die Alte Stadt, 4/98, 335 – 346

KEGLER, Harald (2002): Charrette – neue Möglichkeiten effektiver Beteiligung am Stadtumbau, in: Die Alte Stadt 4/2002, 299-307

KEGLER, Harald (2003): Council for European Urbanism, in: Die Alte Stadt 1/2003, ...

KUNSTLER, James H. (1994): The Geography of Nowhere, New York

LEFF, Cathy (1998): Florida – Theme Issue 23, Miami

LEJEUNE, Jean-Francois; SHULMAN, Allan T. (2000): The Making of Miami Beach, New York ( mit Beiträgen von Diane CAMBER, Allan T. SHULMAN und Jean-Francois LEJEUNE)

Miami New Times vom 19. Juni 2002

MÜLLER, Wolfgang; ROHR-ZÄNKER, Ruth (2001): Amerikanisierung der „Peripherie“ in Deutschland, in: BRAKE, Klaus; DANGSCHAT, Jens; HERFERT, Günter (Hg.): Suburbanisierung in Deutschland, Opladen, 27-39

New Urban News, 7/2001, S. 1,5-7

PINCK, Axel (1993): USA – Der Südosten, Köln

SASSEN, Saskia (1997): Metropolen des Weltmarktes, Frankfurt/M., New York

SPEAKS, Michael (2002): Niederländisch, in: Arch+ 162, 64-67

STERN, Robert (2002): Vortrag auf dem 10. Kongress des CNU, Miami

St. JOE COMPANY (2001): The St. Joe Company 2001 Annual Report, Jacksonville

ZEHNER, Klaus (2001): Stadtgeografie, Gotha

 

www.dr-kegler.de
www.charrette.de

Ein Dank gilt Duane Phillips und Allan Shulman aus Florida für ihre Hinweise.

 

Kurzvita
HARALD KEGLER

Geb. 1957 in Aschersleben, 1978 bis 1983 Studium der Stadtplanung an der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar, 1986 Promotion zum Dr.-Ing. für Stadtplanung (Geschichte der Disziplin Stadtplanung), 1986/87 Assistent an der TH Cottbus, 1987 bis 1999 Bauhaus Dessau (Abteilungsleiter und stellv. Direktor), 1999/2000 Gastprofessur an der Universität Miami/USA, seit 2000 eigenes Büro für Stadt- und Regionalplanung, Arbeitsschwerpunkte: Stadtumbau, Beteiligungsverfahren, Regionalstadt-Konzepte, Mitgliedschaften: Congress for the New Urbanism (USA) seit 1998, SRL seit 1990, Preise: 1998 - Europäischer Preis für Stadt- und Regionalplanung, 2002 - 1. Preis beim Bundeswettbewerb Stadtumbau-Ost mit Charrette-Verfahren

 
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