Naturschutzaspekte

Naturnah bewirtschaftete Streuobstwiesen präsentieren sich meist als eine reizvolle Mischung verschiedenster Strukturelemente. Dieser Wechsel von unterschiedlichen natürlichen Kleinstrukturen (Wildhecken oder –gehölze, artenreiche Wiesen oder Wildstaudensäume) und solchen Kleinstrukturen, die von Menschenhand geschaffen wurden (Trockenmauern, Steinriegel, angepflanzte Hecken und Gebüsche), wirkt nicht nur auf den Menschen anziehend. Auch viele gefährdete Pflanzen- und Tierarten finden hier sowohl wertvolle Lebens- und Nahrungsräume als auch Brut- und Überwinterungsmöglichkeiten.

Da auf der Streuobstwiese Pönitz nicht mehr der Obstertrag, sondern Gesichtspunkte des Landschaftsbildes sowie des Biotop- und Artenschutzes im Vordergrund stehen, kann die Sicherung des Bestandes über das Instrumentarium des Naturschutzes erreicht werden. Tatsächlich bietet das Sächsische Naturschutzrecht (vgl. Kap. 2.5.2) verschiedene Schutzmöglichkeiten, die durch Naturschutzverbände praktisch umgesetzt werden. So wird die Streuobstwiese in Pönitz seit kurzer Zeit vom NABU Sachsen/Leipzig betreut, um sie als wertvollen Biotoptyp zu erhalten. Da die Besitzer aus ökonomischen Gründen die Streuobstwiese nach 1990 aufgegeben haben, muss heute über ein neues Nutzungskonzept nachgedacht werden, um die Streuobstwiese in Pönitz zu erhalten. Dieses Nutzungskonzept wurde in den vorausgehenden Kapiteln ausführlich beschrieben. Dabei traten vor allem ökologische Aspekte der extensiven Bewirtschaftungsform in den Vordergrund. Dass einige Maßnahmen durchaus umstritten sind, belegen die folgenden Aussagen.

Vor allem über die Art und das Ausmaß von Pflegeschnitten gibt es immer wieder zwischen den verschiedenen Gruppen (z.B. Naturschutzverbände, Eigentümer) zahlreiche Diskussionen. Ein oftmaliges Auslichten der Krone, vollständiges Entfernen von Totholz, Wundverschluss, Auskleidung von Höhlen, Entfernung von Schnittholz und Baumruinen führen in der Regel dazu, Obstbäume für die auf sie angewiesenen Tierarten lebensfeindlich zu gestalten. Abgestorbene Bäume sollten daher aus naturschutzfachlicher Sicht nicht vollständig entfernt werden. Es genügt ein Stabilisierungsschnitt zur statischen Sicherung der Baumruine. Derartige Bäume mit gekürzten Ästen stehen oft noch über 10 Jahre sicher und bieten zahlreichen holzbewohnenden Tierarten Lebensraum. Die abgetrennten Äste können in der Sonne oder im Halbschatten in Bestandsnähe gelagert werden.



Foto 10: Baumruine mit wertvollen Lebensräumen für holzbewohnende Lebewesen (z.B. Baumhöhle)
Quelle: eigene Aufnahme

Holzbewohnende Käfer und Hautflügler besitzen meist mehrjährige Entwicklungszeiten, so dass die Entfernung der abgetrennten Äste nicht sofort erfolgen sollte.
Für eine Reihe weiterer Tierarten bieten Totholzhaufen oft die einzigen Versteck- und Überwinterungsplätze in ausgeräumter Feldflur. Pflegeextensive Sorten mit dichter Krone, viel Blattwerk und/oder bemoosten sowie mit Flechten bewachsenen Ästen können ohne Anzeichen von Schädigungen existieren. Derartige Bäume bieten, vor allem wenn sie in Gruppen stehen, Lebensraum für photophobe und hygrophile Baumbewohner. Licht und trocken stehende Obstbäume werden von photophilen und thermophien Baumbewohnern besiedelt, weshalb in Flächen mit unterschiedlichem Pflegezustand der Bäume die Artenvielfalt stets wesentlich größer ist als in einheitlich gepflegten Beständen.
BITZ (1992) zeigt, dass ungepflegte Apfelbäume durchschnittlich das Zehnfache, ungepflegte Birnenbäume gar das Zwanzigfache an Höhlen der gepflegten Bestände aufweisen. Da die immense Bedeutung von Baumhöhlen u. a. für Höhlenbrüter bekannt ist (siehe u. a. RABENECK u. GAISER 1991), sind Höhlensanierung und Wundverschluss an kräftigen Bäumen (v.a. Kernobst) zu unterlassen und i. d. R. bis auf Einzelfälle auch entbehrlich.
Zahlreiche Insekten sind auf Totholz unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Struktur angewiesen. Hier findet die Reproduktion statt. Viele Arten finden zudem Winterquartiere im Holz (vgl. NIEHUIS 1992, SIMON 1992, ROHE 1992), hinter abgehobener Rinde und in Höhlen, andere leben in Nestern von Höhlenbrütern. Auch „künstliche“ Vogelnisthöhlen, Insekten-Nisthilfen oder Igelkuppeln können integriert werden, diese bezieht man im Handel oder baut sie nach Anleitung selbst, bevor man sie ausbringt. Jedes An- oder Ausbringen künstlicher Brutstätten bedeutet aber auch einen Eingriff in den Lebensraum Streuobstwiese. Deshalb sollten immer zuerst die vorhandenen natürlichen Kleinstrukturen einer Streuobstwiese bewahrt und genutzt werden.
Die folgende Tabelle verdeutlicht die wichtigen Funktionen der verschiedenen Elemente des „Ökosystem Streuobstwiese“ für verschiedene Arten und Gruppen.

Tabelle 17: Die wichtigsten Funktionen der verschiedenen Elemente des Ökosystem Streuobstwiese an
ausgewählten Arten und Gruppen Quelle: Garten und Landschaft 5/90 (verändert)

Die eben genannten Ausführungen belegen, dass ohne Zweifel alte abgängige Streuobstbäume zunächst einmal den Habitatwert für viele Tiere durch das Vorhandensein von Totholz und Hohlräumen in Stämmen und Ästen erhöhen. Da die Streuobstwiese Pönitz vordergründig unter naturschutzfachlichen Aspekten erhalten werden soll und die Nutzung des Obstes „nur“ eine positive Nebenerscheinung darstellt, wird es keine Probleme geben, Totholz zuzulassen. Sicher ist aber, dass sie letztlich zusammenbrechen und ersetzt werden müssen. Dennoch wird es wie in Kapitel 5.1.2. ausgeführt, unumgänglich sein, weniger wertvolle Altbestände durch Jungbäume zu ersetzen und einen Erneuerungsschnitt bei einer Vielzahl von Bäumen durchzuführen. Denn es muss klar sein, dass ohne eine Erneuerung und Sanierung der Obstwiese Pönitz eine Existenz der ganzen Wiese gefährdet ist.


 
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