Streuobstwiesen

Ökologische Bedeutung und Konzept zum Erhalt einer gefährdeten Kulturlandschaft.

Das Beispiel Taucha / Pönitz (Sachsen).

Diplom-Geographin Christine Kirschner

Der Begriff der Streuobstwiese wurde für solche Pflanzungen aus starkwüchsigen und großkronigen Obstbäumen, überwiegend Hochstämme, geprägt, deren Baumbestand verstreut in der Landschaft auf Mähwiesen und Viehweiden steht. Heute wird er als Synonym für alle Hochstamm-Obstbaumanlagen mit Grünlandunternutzung verwendet und schleißt damit auch regelmäßige Obstanlagen ein. Die wichtige historisch-ökonomische Grundlage des Streuobstbaus ist demnach eine Doppelnutzung mit landwirtschaftlicher Produktion und Obstbau, wobei der Obstbau in dieser Form nur eine Neben- oder Zusatznutzung darstellt. Neben in unregelmäßigen Abständen bzw. vereinzelt auf Wiesen oder Feldern stehenden Bäumen zählen dazu ebenso die im Block oder in Reihen (2) gepflanzten Bäume. Ebenfalls gebräuchlich ist der Begriff "Streuobstbestand" (NIEMEYER-LYLLWITZ, 1993) und "Streuobstgarten" (HEIN/ LOTT/STEIN 2003).

In Deutschland wurde der Begriff "Streuobstbau" ab 1950 regelmäßig verwendet, und zwar von den Obstbaubehörden und Erwerbsanbauern. Diese suchten damals eine begriffliche Abgrenzung zwischen dem "rückständigen" extensiven Streuobstbau auf Hochstamm mit vielen Arten und Sorten und dem modernen, intensiven Plantagenobstbau auf Niederstämmen mit wenigen Sorten (ein Vergleich von Streuobstwiese und Plantagenkultur ist im Anhang in Tabelle Q nachzulesen). DE HAAS verwendet 1957 den Begriff "Streupflanzung" und fasst diesen Anbau mit der obstbaulichen Wege- und Straßenbepflanzung unter der Anbauform "Offene Pflanzung" (3) zusammen. Der Begriff "Streuobstwiese" kam erst nach 1970 auf, um diese extensive bäuerliche Betriebsform zu kennzeichnen (HEIMEN/RIEHM 1987; RÖSLER 1996). Kurz und knapp definiert RÖSLER (1996) den Begriff Streuobstwiese als "extensiv genutzte Kombination von Hochstamm-Obstbäumen und Grünland". Des weiteren weist er darauf hin, dass der Begriff der Streuobstwiesen ausschließlich von der zerstreuten Anpflanzung herrührt (der Schweizer SPRENG verwendet 1941 den Begriff "Obst in Streulage") und nichts - wie in zahlreichen Publikationen bemerkt - mit dem Einstreu im Stall zu tun hat, auch "wenn in wenigen Einzelfällen das Gras von Streuobstwiesen als Einstreu verwendet worden sein mag" (RÖSLER 1996, S.11).

Es existieren keine großflächigen Monokulturen, sondern eine Mischung verschiedener Obstarten (4). Oft wurden verschiedene Obstsorten einer Art innerhalb einer Parzelle gepflanzt. Der Gebrauch von Pestiziden und Mineraldünger ist unüblich. Häufig weisen die Obstbäume eines Bestandes eine ungleichmäßige Altersstruktur auf. Diese ist jedoch nicht zwingend typisch und für neu angelegte Streuobstwiesen kein entscheidendes Merkmal, weil die heute verbreitete ungleichmäßige Altersstruktur aus Nachpflanzungen für abgegangene Bäume entstanden ist.

Der sehr extensiv betriebenen landwirtschaftlichen Nutzungsform hat sich das Interesse des Naturschutzes in den vergangenen Jahren verstärkt zugewandt. Einer der Gründe war die Beobachtung, dass Streuobstbestände vor allem im Rahmen der Flurbereinigung immer mehr aus der Landschaft verschwanden und sich damit in manchen Regionen, vor allem in Süddeutschland, das traditionelle Landschaftsbild grundlegend wandelte. Nähere Untersuchungen zeigten schließlich, dass Streuobstbestände Lebensraum zahlreicher gefährdeter Pflanzen- und Tierarten sind und eine überragende ökologische Bedeutung besitzen, fördern sie doch die Vernetzung vielfältiger Lebensräume. Sie haben einen außergewöhnlichen Artenreichtum - man schätzt nahezu 3000 Arten, die sie beherbergen können.

Wachsendes Umweltbewusstsein sowie mehr Verständnis für ökologische Zusammenhänge führten inzwischen dazu, dass Streuobstpflanzungen neu bewertet werden und ihr ökologischer Nutzen für den Menschen in den Vordergrund trat. In letzter Zeit erfolgt deshalb mehr und mehr eine Auseinandersetzung mit der Gesamtproblematik, d.h. der Suche nach Erhaltungsmöglichkeiten für Streuobstwiesen und ähnlicher Biotope. In der heutigen Zeit sind die alten Hochstammbestände wirtschaftlich unrentabel geworden. Die verbliebenen Bestände sind oft in einem ungepflegten und vernachlässigten Zustand und drohen so, ebenfalls zerstört zu werden. Gehen die Obstbestände weiter zurück und werden keine neuen Hochstämme nachgepflanzt, geht diese artenreiche Lebensgemeinschaft und zugleich ein hervorragendes Bindeglied zwischen naturnahen Landschaften und unseren Dörfern und Städten verloren.

2 Flächenhaft: Streuobstbau in zusammenhängenden Flächen verschiedener Größenordnung; geschlossen oder lückig; linienförmig: Bäume in Reihen, Obstalleen, Feldwegpflanzungen, Obstpflanzungen an Gräben, Obstpflanzungen entlang der Hochwasserschutzwälle und Eisenbahndämme; punktförmig: kleine Baumgruppen, Einzelbäume, Haus- und Hofbäume, Schattbäume und Restflächen (KEIPERT 1992).
3 Bei einer offenen Pflanzung stehen nach DE HAAS die Bäume „frei in unregelmäßigen Abständen oder höchstens in einzelnen Reihen“.
4 Die häufigsten sind Apfel, Birne, Süßkirsche, Pflaume, Walnuss, Aprikose.

 
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