Streuobstwiesen - Ökologische Bedeutung und Konzept zum Erhalt einer gefährdeten Kulturlandschaft.

Das Beispiel Taucha / Pönitz (Sachsen). - Historischer Hintergrund

Die Begriffe "Streuobstwiese" und "Streuobstbau" sind erst Mitte des 20. Jahrhunderts geprägt worden, obwohl diese Bewirtschaftungsform in Mitteleuropa bereits seit mehreren Jahrhunderten bekannt ist (vgl. GUSSMANN 1896, SCHNEYDER 1846).

Die ursprünglich aus dem Orient stammende Obstbaumnutzung wurde von dort nach Griechenland überführt, wo die Kunst des Obstzüchtens kultiviert wurde. Der Arzt und Gelehrte Hippokrates (um 400 v. Chr.) soll die Fertigkeit des Pfropfens "erfunden haben". Von Syrien und Griechenland brachten die Römer den Obstbau ins heutige Italien. Mit dem Vordringen der Römer nach Germanien wurden zahlreiche Obstsorten und Pflanzenarten eingeführt (RÜBLINGER 1988).

Im Mittelalter erlangte der Obstbau durch die Klöster eine erste Blüte und wurde der klosternahen Bevölkerung vermittelt. Der mittelalterliche Obstbau wurde im 14. und 15. Jahrhundert in Baumgärten in unmittelbarer Umgebung der Siedlungen betrieben, in denen neben den Gartenfrüchten die Obstbäume standen. Sie bildeten um manche Orte richtige Obstbaumgürtel. Ab 1550 kam die Obstbrandbereitung auf (LUCKE et al. 1992). Im 15. und 16. Jahrhundert begann sich der Obstbau unter der Förderung durch die Landesherren in die freie Landschaft auszudehnen (PRASSER-SCHÄFER u. SCHÄFER 1992). Der Obstbau "gedieh im Rahmen klösterlicher Vorschriften und administrativer Verordnungen der fürstlichen Obrigkeiten" (LIEBSTER 1984, S. 143). Die fürstlichen Verordnungen, deren Ziel die Verbesserung der Ernährungssituation der Bevölkerung war, bestanden in der "Verpflichtung für Einzelpersonen und Gemeinden zum Pflanzen von Obstbäumen und in der scharfen Bestrafung von Baumfrevel und Obstdiebstahl" (ebd.). Besondere Gesetze zum Schutz der Bäume und ihrer Früchte wurden erlassen. Ursprünglich waren die Streuobstwiesen keine "Wiesen", sondern Baumäcker, auf denen Feldfrüchte angebaut wurden. Deshalb stieß die Ausdehnung der Obstpflanzungen in die Gemarkung bei den Bauern auf Widerstand, weil sie befürchteten, der Obstbau schade dem Ackerbau (LANDWIRTSCHAFTLICHE ZEITUNG FÜR KURHESSEN 1824). Erst später wurde die durch Bäume (und teilweise auch durch Hanglage) erschwerte ackerbauliche Nutzung durch die einfachere Grünlandnutzung ersetzt.

Am Ende des 19. Jahrhunderts bekam der Obstbau eine stärkere wirtschaftliche Bedeutung. Durch das Anwachsen der Städte und dem Rückgang der sich selbst versorgenden Bevölkerung sowie Veränderungen der Konsumgewohnheiten stiegen die Nachfrage und der Preis für Obst. Obstbau konnte eine Einnahmequelle werden, was dessen Ausbreitung auch im bäuerlichen Bereich über die Eigenversorgungsfunktion hinaus bewirkte (HEIMEN u. RIEHM 1987). "Auf jeden Raum pflanz ein Baum und pfleg sein, er trägt Dir`s ein", so lautete der damalige Leitspruch (AUS STIFTUNG NATURSCHUTZFONDS BEIM MINISTERIUM LÄNDLICHER RAUM BADEN-WÜRTTEMBERG 1997). Besonders in klimatisch günstigeren Regionen konnte mit dem Anbau von lokalen Obstsorten ein reiches Zubrot erwirtschaftet werden (in Sachsen z.B. Elbetal um Dresden, Meißen). Der einstmals über die gesamte Flur zerstreute Baumbestand verdichtete sich zu systematischen Pflanzungen auf Wiesen und Äckern (LOTT 1993). Trotz allem blieb der Landwirt des ausgehenden 19. Jahrhunderts Bauer und wurde kein Obstbauer. Die Hochstammbaumform und die Wahl robuster und reichtragender Obstarten und -sorten für die Erzeugung von Wirtschaftsobst unterstrich den bäuerlichen Charakter der Obstpflanzungen. Der landwirtschaftliche Obstbau war Obstbau über die "Eigenversorgung hinaus zur Marktversorgung" (LESSER 1900). Damit behielt der Streuobstbau seinen Charakter als "Nebenbetrieb der Landwirtschaft" (HERWIG 1907).

Das Königreich Sachsen gehörte zu den Ländern Deutschlands, in denen in "einträglichen und rationellen Obstpflanzungen" (MICHELS 1892, S. 109) Obstbau betrieben wurde und das deshalb zu den "reichen Obstgebieten" (ebd.) zählte. Diese Beurteilung verdiente es sich vor allem durch die "vorbildliche Bewirtschaftung der öffentlichen Obstanlagen" (NN 1889, S. 165). Beachtlich war der hohe Stand des erwerbsorientierten Obstbaus. Die Größe der Obstanlagen schwankte zwischen 0,5 ha und 120 ha. In den kleinen Anlagen entstanden schon um 1900 kombinierte Pflanzungen aus Nieder-, Halb- und Hochstämmen und Beerenobst. In Gebieten mit ausgeprägtem landwirtschaftlichen Obstbau: Niederlößnitz, Oberes Elbetal, Elbetal um Meißen, Rötha, Sahlis, Kohren, Lommatzsch, Stauchitz, Mügeln, Leisnig, Ostrau, Oschatz, Colditz, Döbeln, Löbau und Zittau setzte sich schon um 1900 der Erwerbscharakter durch (vgl. LOTT 1993). Ein Grund, warum der Obstbau fühlbarer in den landwirtschaftlichen Betrieb eingebaut wurde, ist darin zu suchen, dass die Landwirte "infolge der Nähe zu der sich ständig ausdehnenden Industrie" (GROß 1904, S. 9) gezwungen waren, sich "rentableren Wirtschaftszweigen" (ebd.) zuzuwenden. Die unerschwinglichen Arbeitslöhne konnten mit den geringen Erlösen des Feldfruchtbaus nicht mehr erwirtschaftete werden. Den Ausweg boten Obstbau und Tierzucht an. Auch die Provinz Sachsen zeichnete sich durch einen bedeutenden landwirtschaftlichen Obstbau aus. "Die Dörfer sind mit Obstgärten umgeben, Anger, Triften und Landstraßen mit Obstbäumen bepflanzt" (LAUCHE 1878, S. 427). Unterschiedliche Teile des Landes, die Gegenden um Halberstadt, Mansfeld, Sangerhausen, Nordhausen, der Saalkreis, die Gemeinden um Naumburg und Delitzsch zeigten einen nahezu übereinstimmenden Obstbau dieser Prägung (ebd.). Bis zur Jahrhundertwende ging der Obstbau auf den intensiv genutzten Ackerflächen zurück. "Der Grund liegt in der Landwirttschaft, welche den theuren, für den Anbau von Zuckerrüben benutzten Boden möglichst in breiten, der Maschinenarbeit zugänglichen Flächen zu verwerthen suchte und . die Obstbäume niederhauen ließ" (KOCH 1877, S.19). Nur noch vereinzelt überlebte der landwirtschaftliche Obstbau in den verdichteten Pflanzungen der Altmark (vgl. LOTT 1993).

Bereits in den 1930er Jahren wurden die ersten Obstbaumrodungen aus Rationalisierungsgründen durchgeführt. Nach dem 2. Weltkrieg kam es zu einer kurzen Renaissance des Streuobstbaus, bis durch den allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung ab den fünfziger Jahren der Selbstversorgerobstbau vor allem in den alten Bundesländern sukzessive zum Erliegen kam (5). Die Abwertung des bäuerlichen Obstbaus durch den Erwerbsobstbau wird durch die Ausführungen von DE HAAS (1957) besonders deutlich:

"Wenn der deutsche Erwerbsobstbau gegenüber ausländischen Anbau bestehen will, muss zunächst jede unberechtigte Konkurrenz im eigenen Land ausgeschaltet werden. Sie ergibt sich aus den Baumbeständen, die ungepflegt und unrationell bewirtschaftet werden, deren Erträge über den Eigenbedarf hinausgehen und deshalb plötzlich auf dem Markt erscheinen." (S.19) "Leider hat die Verordnung zur Entrümpelung der Obstgärten . keine nennenswerten Erfolge gebracht. (.) Die Notwendigkeit, Streupflanzungen zu roden, wurde schon mehrfach herausgestellt. (.) Sie sind nicht nur ein Schandfleck für die deutsche Landwirtschaft insgesamt, sondern Schädlings- und Krankheitsherde ersten Ranges und in Jahren mit allgemein hohen Ernten sehr unangenehme Konkurrenten mit schlechter Ware und daher noch schlechteren Preisen. Ihre Entfernung liegt im Interesse der Besitzer und des Marktobstbaus." (S.156)

Der Übergang vom landwirtschaftlichen Obstbau zum intensiven Erwerbsobstbau wurde demnach nicht vom Markt, sondern durch politische Einflussnahme bestimmt. Erwerbsobstanbau und Handelsklassenangebote schwächten die Konkurrenzfähigkeit des Streuobstanbaus. Mit Rodungsprämien für Streuobstbestände und durch ersatzlose Vernichtung bei Baumaßnahmen und Flurbereinigungen schritt die Talfahrt des Streuobstbaus bis in die jüngste Vergangenheit rasch voran. (6)

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Obstwiesen seit Jahrhunderten die Aufgabe, Obst für die Großfamilie des Landwirtes und am Ende des vorigen Jahrhunderts auch für die Marktversorgung zu erzeugen. Bei der Eigenversorgung spielte die Obstverwertung, d.h. die Herstellung von Dauerwaren und Konserven, eine herausragende Rolle. Die äußere Qualität der Früchte war nur ein untergeordnetes Thema. Die Pflege der Obstwiesen lief neben der Arbeit des landwirtschaftlichen Betriebes.

Durch die in der ehemaligen DDR relativ hoch gehaltenen Aufkaufpreise von Obst war die Entwicklung der Streuobstwiesen in der DDR bis zur Wende eine etwas andere. Viele Streuobstwiesen wurden noch bis 1989 genutzt und abgeerntet und somit erhalten. Die individuelle Obsterzeugung war für die Selbstversorgung sehr wichtig, da das Obstangebot aus Intensivanlagen und Importen zur Versorgung der Bevölkerung nicht ausreichte. Hochstämmige Obstanlagen wurden bis 1973, als der DDR-Ministerrat ein Gesetz zur industriemäßigen Obstproduktion beschloss, staatlich gefördert. Da das in den intensiven Produktionsanlagen erzeugte Obst für die Obstversorgung der Bevölkerung nicht ausreichte, wurde der Streuobstbau durch das Zahlen von relativ hohen Preisen an den staatlichen Obstankaufstellen weiterhin gefördert. Durch die geringe Bedeutung von Importen behielten die Produkte des Streuobstbaus auch einen Platz auf den Tafelobstmärkten, und auch die Lohnmosterei hatte in der ehemaligen DDR eine wesentlich größere Bedeutung als in den alten Bundesländern (ZUREK 1997). Das Grünland der Streuobstwiesen wurde vielfach ebenfalls regelmäßig genutzt. Teilweise dienten die Flächen als Hutungen für Schäfereien der landwirtschaftlichen Produktion, oft auch der Futtergewinnung für die nebenerwerbliche Tierhaltung. Die arbeitsaufwendige Pflege der Gehölze sowie Nachpflanzungen von Hochstammbäumen wurden in den meisten Streuobstwiesen damals allerdings vernachlässigt, da es bis 1990 keine speziellen Fördermaßnahmen des Streuobstbaus gab. Aus diesem Grund ist der Anteil an jungen Bäumen wesentlich geringer als in den westlichen Bundesländern (ZANDER 2003). Mit der Währungsunion im Jahre 1990 standen der DDR-Bevölkerung völlig neue, attraktive Möglichkeiten der Obstversorgung zur Verfügung. Seitdem wurde qualitativ hochwertiges Tafelobst aus aller Welt eingeführt und steht nun ganzjährig zur Verfügung. Gleichzeitig stellte der Verbraucher fest, dass es sich nicht lohnt, Saft, Apfelmus oder Apfelstücke selbst einzukochen, wenn es vergleichbare Ware zu günstigem Preis im Supermarkt zu kaufen gibt. Schlagartig waren Streuobstwiesen als Erzeugungsflächen für Obst uninteressant. Auch zur Futtergewinnung wurden viele dieser Bereiche nicht mehr benötigt, da die nebenerwerbliche Tierhaltung und auch die ehemals stark geförderte Huteschafhaltung stark zurückgegangen sind. Aufgrund der gefallenen Aufkaufpreise und durch das Aufgeben der Nutzung nach der politischen Wende existieren heute viele kaum gepflegte, überalterte und lückenhafte Bestände (KEIPERT 1996, PETERSON 1995).

Die Betrachtung der geschichtlichen Entwicklung zeigt, dass der Streuobstbau über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten gezielt behindert und zurückgedrängt wurde und in außergewöhnlicher Form dem Einfluss verschiedener Interessengruppen ausgesetzt war. (7)
Die Streuobstwiesen und Obstbäume erfahren seit Beginn der 80er Jahre in den alten Bundesländern und seit einigen Jahren auch in den neuen Bundesländern eine Renaissance. Waren es früher mehr der Erwerb oder Nebenerwerb für die Bevölkerung und auch die Vorsorge nach Schatten für Weidetiere, so sind es heute insbesondere landschaftsästhetische Argumente sowie der Biotop- und Artenschutz, welcher Obstbäume und Obstwiesen derzeit in einem positiven Licht erscheinen lässt.

(5) In Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, beides Länder mit einem bedeutendem Erwerbsobstbau, wurden in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre auf Landesebene Rodungsprämien für Altanlagen bzw. Hochstämme gezahlt (vgl. Henn 1972, Keipert 1985). Ergänzend zu den Maßnahmen der EWG-Marktorganisation von 1969 wurde als „Maßnahme zur Sanierung der Obsterzeugung in der Gemeinschaft“ (VO (EWG) Nr. 2517/69 des Rates) die Zahlung von Prämien für das Roden von Apfel-, Birnen und Pfirsichbäumen festgelegt. 1953 kam es im Bundesernährungsministerium zum „Emser Beschluss“, nach dem „für Hoch- und Halbstämme kein Platz mehr sein wird. Streuanbau, Straßenanbau und Mischkultur sind zu verwerfen“ ( Schwarz 1980, zitiert von Rösler 2001).

(6) So sank z.B. in Hessen die Anzahl der Hochstämme von etwa 3,5 Millionen im Jahr 1965 bis 1987 um 83 % ( Pauritsch u. Harboth 1988). In Baden-Württemberg wurde allein aufgrund des „Generalplans für die Neuordnung des Obstbaues“ und durch steuerpolitische Maßnahmen der EG von 1957 bis 1974 rund 15.700 ha Streuobstwiesen des Landes gerodet oder in Intensivobstplantagen umgewandelt ( Stiftung Naturschutzfonds beim Ministerium Ländlicher Raum Baden-Württemberg 1997). Die Handelsklassenverordnung vom 3.7.1955 verschärfte die Anforderungen an die Qualität der Früchte. Indem sie für Äpfel Mindestgrößen und einen maximalen Anteil von Schalenfehlern festlegte, führte sie zu einer Verdrängung der kleinfrüchtigen und weniger gleichmäßigen Streuobstprodukte vom Tafelobstmarkt. Gleichzeitig wurde seitens des Handels die traditionelle Sortenvielfalt reduziert, um die Vermarktung zu erleichtern. Beide Maßnahmen waren geeignet, dem Streuobst den Zugang zum Tafelobstmarkt nachhaltig zu verwehren.

(7) Trotz der unterschiedlichen geschichtlichen Entwicklung wird der Rückgang der Streuobstflächen in der ehemaligen DDR von 1945 bis 1990 wie in den westlichen Bundesländern von 1952 bis 1990 auf etwa 70 % geschätzt (Rösler 1996).

 
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