Kritische Betrachtung der Streuobstproblematik

Betrachtung der ökologischen Bedeutung

Als Hauptgrund für die vielfältigen Bemühungen, Streuobstwiesen zu erhalten, wird allgemein die ökologische Bedeutung hervorgehoben (vgl. Kap. 2.1. und 5.5). Zahlreiche ökologische Funktionen, die eben näher beschrieben wurden, zeichnen Streuobstwiesen aus, aber man sollte diese nicht überbewerten. Streuobstbestände mögen diese Funktionen für sich besitzen und kleinräumige Wirkungen erzeugen, in der großräumigen Betrachtung sind sie dagegen nicht in der Lage, die allgemeinen nachhaltigen Beeinträchtigungen des Naturhaushaltes, die durch die landwirtschaftlichen Anbauverfahren und die industriellen Produktionsweisen entstehen (Grundwasserverseuchung, Luftverschmutzung, Bodenerosion usw.) in irgendeiner Weise auszugleichen. Zwei Beispiele sollen dies verdeutlichen:
(1) Streuobst als Erosionsschutz wurde in Kap. 2.1.2 kurz beschrieben und beispielsweise von WELLER (1981) benannt: „So wirkt beispielsweise kaum eine andere landbauliche Kulturform in gleicher Weise der Bodenerosion entgegen.“ Bodenerosion ist vor allem bei den intensiv angebauten landwirtschaftlichen Kulturen (Mais, Zuckerrüben u. ä.) ein Problem. Der Erosion auf diesen Flächen kann aber Streuobst weder als angrenzende Obstreihe noch als benachbarter Obsthang/Obstwiese entgegenwirken. Auch auf den Streuobstwiesen selbst darf der Erosionsschutz des Streuobstes nicht überbewertet werden, denn erstens ist der Erosionsschutz schon durch den Grasbewuchs sichergestellt, der auch nach einer Rodung der Obstbäume bestehen würde, andererseits bliebe er auch bei brachliegenden Flächen durch die in der Sukzession nachfolgenden Pflanzengesellschaften erhalten.
(2) Die Artenvielfalt durch Streuobst als Lebensraum und Rückzugsgebiet können nur kleinräumig auf den Bestand und deren nähere Umgebung betrachtet werden. Das Problem der Artenvielfalt ist mehr eine Frage der agrarischen Produktionsweisen, denn in landwirtschaftlichen Kulturen und in Intensivobstbau-Plantagen kann aufgrund der „modernen“ Produktionsweisen die relativ hohe Arten- und Individuenzahl der Streuobstwiesen nicht mehr zugelassen werden. Da Streuobstbau als agrarische Produktionsweise „entaktualisiert“ ist (HEIMEN und RIEHM 1987), kann die hohe Arten- und Individuenzahl auf Streuobstwiesen akzeptiert werden. Weiterhin muss man anmerken, dass die Vielfalt der Tierarten in heutigen, seit Jahren ungepflegten Streuobstbeständen teilweise
auch ein Ergebnis der tendenziellen Brache ist . Abschließend soll die Aussage von MARKL (1981) zum Nachdenken anregen: „Die empirische wie theoretische Analyse hat ergeben, dass Ökosysteme nicht durch Artenvielfalt stabil werden, sondern dass sich umgekehrt Artenvielfalt dort entwickeln kann, wo die Randbedingungen der Umwelt,…, stabil sind.“ Daraus ergibt sich, dass wirkliche ökologische Ansätze auf eine Änderung der Randbedingungen und nicht auf deren Ausgleich abzielen müssen.

Betrachtung der ästhetischen Funktion

Neben der ökologischen Funktion ist der Wert des Streuobstbaus für das Landschaftsbild, eine ästhetische Funktion, wesentlicher Grund für die Streuobstwiesenbemühungen. Die städtischen Vorstellungen von „intakter Landschaft“ werden von den heute unaktuellen Erscheinungen alter Wirtschaftsweisen und –zusammenhängen bestimmt. Dazu gehören neben Hecken, Grünland, Kleinteiligkeit eben auch Streuobstwiesen. Das Bild der kleinbäuerlichen Kulturlandschaft ist demnach das Leitbild bei der ästhetischen Begründung für die Streuobsterhaltung. In dieser Problematik muss jedoch bedacht werden, dass eine Änderung der Produktionsverhältnisse auch immer zu einer Veränderung der Landschaft führt. Die rasche Entwicklung zu spezialisiertem und industrialisiertem Landbau bei gleichzeitiger Akkumulation des Bodens in den letzten Jahrzehnten hat ein entsprechendes Landschaftsbild geschaffen. Die Entwicklung des Streuobstbaus ab den 1970er Jahren : Obst als Erwerbsquelle – Rodungen von Streuobstbeständen – schließlich Entdeckung der verbliebenen Reste mit landschaftsprägenden und ökologischen Funktionen, erläutert HÜLBUSCH (1986) sehr treffend: „’Die Landschaft ist Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse’ oder auch ‚Jede Gesellschaft hat die Landschaft, die sie verdient“ Eine industrialisierte Gesellschaft erzeugt eben keine kleinbäuerliche Landschaft. Deshalb war die logische Konsequenz der Veränderungen das Verschwinden der Streuobstwiesen aus der Landschaft, nur Reste überlebten, größtenteils ungenutzt.
Die aktuellen Bestrebungen zur Wiederherstellung der alten bäuerlichen Landschaft haben zum Ziel, die ehemals „intakten Landschaften“ wieder herzustellen. Dabei können aber weder deren ursprüngliche Produktionsweisen noch die ehemaligen Umstände erzeugt werden. Man muss
sich an dieser Stelle ins Bewusstsein rufen, dass Kulturlandschaften immer durch menschliche Arbeit entstanden und stabilisiert worden sind und zur Aufrechterhaltung von Kulturlandschaften gehört auch immer deren entsprechende Bewirtschaftung.
Schlussfolgernd wird es nicht möglich sein, ein ehemaliges Landschaftsbild im selben Umfang wiederherstellen zu können. Es kann nur darum gehen, die erhaltenen Reste in ihrer heutigen Form zu akzeptieren und unter den heute gegebenen Verhältnissen zu nutzen und zu erhalten.


 
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