Zusammenfassung

Eine Streuobstwiese erfüllt in der Kulturlandschaft eine Doppelfunktion: Einerseits ist sie Nutzfläche, die Ertrag abwirft, andererseits ist sie ein wichtiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Der heutige ökologische und landschaftsästhetische Wert der Streuobstbestände ist ein Nebenprodukt ökonomischen Denkens und Handelns der Begründer dieser Anlagen – der Landwirte und Obstbauer. Im zeitgenössischen Denken und Empfinden der Landnutzer war „bloße Zierlichkeit auf Kosten der Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit“ (OBERDIECK u. LUCAS 1857, S. 15) verpönt, Hochstamm-Obstbaumpflanzungen waren das Ergebnis durchdachter Ökonomie und eines häufig unbewussten, verinnerlichten Harmoniegefühls. Der Eindruck von der Unerwünschtheit und das Stören hochstämmiger Obstbäume in der agrarisch genutzten Landschaft sind in diesem nicht mehr intakten Verhältnis gegründet.
Seit 1990 erleben wir in den neuen Bundesländern einen Wendepunkt. Die Bedeutung des Streuobstbaus hat sich gewandelt: von einem wichtigen Garanten der Eigenversorgung mit Obst zu einer Zeit der Mangelwirtschaft zu einem lebenswichtigen Beitrag zur Ökologie und Landschaftsstruktur für Menschen in einem relativen Wohlstand mit Strukturen der Marktwirtschaft. Streuobstwiesen sind eine Kulturlandschaft, die ohne intensive Pflege nicht zu erhalten sind. Doch das angesprochene Missverhältnis von wirtschaftlichem Ertrag und Arbeitsaufwand ist ein Problem für die Landwirtschaft. Die Erhaltung der Streuobstbestände kann unter den heutigen Bedingungen von keinem Landwirt verlangt werden. Es muss eine Kooperation zwischen Landwirten, Naturschutzverbänden, staatlichen Institutionen und Privatinitiativen stattfinden.

Ziel dieser Arbeit war die Erstellung eines Gesamtkonzeptes zur Erhaltung eines gefährdeten Streuobstwiesenbestandes. Dabei wurde versucht, das Anliegen des Naturschutzes - die Erhaltung des für so viele Pflanzen und Tiere sowie ihre Biozönosen bedeutsamen Lebensraum „Streuobstwiese“ in ihrer Vielseitigkeit - unter Berücksichtigung der landschaftsgestalterischen Funktion, der betriebswirtschaftlichen Rentabilität in einer marktbestimmten Gesellschaft sowie dem gegenwärtigen Verbraucherverhalten zu betrachten. Zusammenfassend lauten die wichtigsten Erkenntnisse dieser Arbeit:

1. Einführung: Der Streuobstbau hat eine jahrhundertealte Tradition, er ist als Produkt des wirtschaftenden Menschen und als Genreservoir Bestandteil unseres Kulturerbes. Seit den 1950er Jahren kam es zur Abwertung des bäuerlichen Obstbaus durch den Erwerbsobstbau, in der ehemaligen DDR war die Entwicklung der Streuobstwiesen bis zur Wende durch die wirtschaftliche Situation eine etwas andere. Die Streuobstwiesen und Obstbäume erfahren seit Beginn der 80er Jahre in den alten Bundesländern und seit einigen Jahren auch in den neuen Bundesländern eine Renaissance. Dabei ist in jedem Ort der Streuobstbau anders, überall gibt es eigene Verhältnisse und Entwicklungen und demzufolge auch eigene Erscheinungsformen.

2. Ökologie und Naturschutz: In kaum einem anderen gefährdeten Lebensraumtyp sind auf so kleiner Fläche so viele Belange von Natur und Landschaft in sich vereint wie in der Streuobstwiese. Streuobstbestände sind von überragender ökologischer Bedeutung und zählen zu den artenreichsten Lebensräumen in Mitteleuropa. Die Verknüpfung von lichtem Baumbestand mit Wiesennutzung ist Ursache für ein hohes und gleichzeitig spezialisiertes Artenaufkommen. Streuobstbestände sind deshalb oft letzte Rückzugsgebiete für besonders bedrohte Arten. Sie haben Funktionen im Klimaausgleich, Boden- und Wasserschutz sowie für die Stabilisierung des Naturhaushaltes. Eine heutige Nutzung, Pflege und Entwicklung von Flächen ist unter überwiegend naturschutzorientierten bzw. landespflegerischen Aspekten, z.B. durch Ankauf von Flächen sowie über die Verwertung des „minderwertigen“ Obstes alter Hochstämme für die Saftherstellung üblich.

3. Landschaftsbild und Erholung: Streuobstbestände zählen zu den wichtigsten Strukturelementen, die zur Unverwechselbarkeit der Orts- und Landschaftsbilder beitragen.

4. Wirtschaft: Der Landwirt bekundet heute kaum mehr Interesse am betriebswirtschaftlich unrentablen Streuobstbau. Ein an Ertrag orientierter Erwerbsobstbau ist mit naturschutzfachlichen Aspekten allerdings schwer zu vereinbaren. Unbedingt notwendig ist eine Nutzung der Grünflächen durch Mahd und/oder Beweidung mit dem Ziel, pflanzenartenreiche Grünlandbestände zu erhalten bzw. zu entwickeln.

5. Beeinträchtigung/Gefährdung: Ausgehend von 1950 ist in Deutschland ein Rückgang der Streuobstbestände von ca. 70 bis 80 % zu verzeichnen. Dabei ist der Rückgang der Streuobstbestände in den fünf neuen Bundesländern aufgrund anderer Nutzungsstrukturen weniger gravierend ausgefallen. Die Ursachen für den Rückgang sind vielfältig. Als wichtigste Faktoren seien genannt:
• Die EU-Agrarpolitik und Globalisierung der Wirtschaft
• Intensivierung der Landwirtschaft
• Verändertes Verbraucherverhalten
• Ausweisung von Neubaugebieten
• Straßenbaumaßnahmen.

6. Schutz und Erhaltung: Die Erhaltung des Streuobstbaus kann nur gelingen, wenn
• spezielle Förderprogramme (finanzielle Honorierung der Bewirtschaftungserschwernis, von Pflegemaßnahmen und Neupflanzung),
• Engagement von Naturschutzverbänden und Privatpersonen sowie
• eine erhöhte Aufgeschlossenheit bei der Bevölkerung festzustellen ist,
um den Streuobstbau ökonomisch wieder interessanter werden zu lassen. In Abhängigkeit von lokalen Förderprogrammen werden dem Bewirtschafter der Streuobstanlagen alle anstehenden Leistungen – sozusagen als Rundum-Förderung – bezuschusst, obwohl bei einer angemessenen Entlohnung für das Streuobst alle Zuschusszahlungen überflüssig wären. Das zeigt, wie weit sich der Streuobstbau von einer ökonomisch sinnvollen Integration in das Marktgeschehen für Tafel- und Mostobst entfernt hat und wie schwierig es sein wird, die aus dieser Fehlbewertung entstandenen betriebsökonomischen Mängel zu beseitigen.

7. Analyse: Untersucht wurde die ca. 4 ha große Streuobstwiese in Taucha/OT Pönitz (LK Delitzsch/Sachsen). Dabei ging es um eine Kartierung des Bestandes, eine Sortenbestimmung der alten Obstsorten sowie um ein zukünftiges Nutzungskonzept des seit über zehn Jahren ungenutzten Bestandes.

8. Ergebnisse: Die Baumkartierung ergab einen Überhang an alten Bäumen und einen enormen Bedarf an Nachpflanzungen bzw. an Schnittmaßnahmen. Zahlreiche Obstsorten konnten bestimmt werden, Aufzeichnungen des ehemaligen Eigentümers ergänzten fehlende Angaben. Der Zustand der Wiese muss als sehr vernachlässigt eingestuft werden, eine regelmäßige Baum- und Grünlandpflege wird in Zukunft sehr wichtig sein.

9. Nutzungskonzept: Zur Erhaltung des vernachlässigten Bestandes sind aktuell aufwendige Revitalisierungsmaßnahmen erforderlich (Grasschnitt / Mulchung, Baumschnitt). Für eine langfristige Sicherung des Bestandes sind Ersatzpflanzungen für abgängige Bäume unerlässlich. Unter Beachtung des Pflegeaufwandes wurde versucht, aus der Vielzahl der vorhandenen Arten und Sorten die für den Streuobstbau in dieser Region derzeit am besten geeignet erscheinenden Sorten auszuwählen. Regelmäßige jährliche Schnittmaßnahmen sind im Allgemeinen nur in den ersten Jahren nach der Pflanzung erforderlich. Später kann zu einem mehrjährigen Tunus übergegangen werden. Das zukünftige Kurzhalten des Unterwuchses ist eine Pflegemaßnahme, auf die selbst bei extensiver Bewirtschaftung nicht verzichtet werden kann.
Die Pflege und Ernte ohne maschinellen Einsatz nimmt eine enorme Zeitspanne in Anspruch. Diese Tatsache sollte allen Beteiligten bei der Erhaltung des Streuobstbestandes klar sein, um Fehlentwicklungen zu vermeiden.

10. Verwertung und Vermarktung: Zur Zeit werden nur die Äpfel auf der Pönitzer Streuobstwiese zu Apfelsaft verarbeitet und vermarktet. Verkauft wird der Apfelsaft direkt vom NABU an Kleinabnehmer in Leipzig und der Region. Die Nachfrage ist dabei höher als die anzubietende Menge. Zukünftig muss bei der Vermarktung den Verbrauchern insgesamt verstärkt bewusst gemacht werden, dass Apfelsaft aus Streuobstbau ein 100 %-iger Fruchtsaft ist und in seinen Eigenschaften die importierten Fruchtsaftkonzentrate weit überbietet.

11. Naturschutzaspekte: Auf der Streuobstwiese Pönitz stehen nicht mehr der Obstertrag, sondern Gesichtspunkte des Landschaftsbildes sowie des Biotop- und Artenschutzes im Vordergrund. Aus diesem Grund kann die Sicherung des Bestandes über das Instrumentarium des Naturschutzes erreicht werden. Die Ansprüche des Naturschutzes können durch eine Belassung von Totholz, von Hohlräumen in Stämmen und Ästen, einer geringen Düngung- und Pflanzenschutzgabe sowie einer insgesamt extensiven Bewirtschaftung erreicht werden.
12. Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit: Einer größeren Masse an Verbrauchern muss klar gemacht werden, was Streuobst bedeutet und was Direktsaft ist. Weiterhin geht es um den ökologischen, ökonomischen und qualitativen Vorteil der Streuobstprodukte. Finanziell wenig aufwendig sind Öffentlichkeitskampagnen zum Thema „Streuobstwiese“, Saftaktionen oder Apfelfeste. Natur- und Bauernmärkte sind Chancen, interessierten Menschen das Thema näher zu bringen. Weitere Möglichkeiten bieten sich über eine naturschutz- und umweltpädagogische Arbeit (Naturlehrpfad, Rundwanderwege, geführte Wanderungen, Streuobstprojekte in Kindergarten und Schule) oder über Baum-Vermietungsprojekte an.

13. Kritische Aspekte: Zahlreiche ökologische Funktionen zeichnen Streuobstwiesen aus, sollten aber nicht überbewertet werden. Streuobstbestände mögen diese Funktionen für sich besitzen und kleinräumige Wirkungen erzeugen. Aber in der großräumigen Betrachtung sind sie nicht in der Lage, die allgemeinen nachhaltigen Beeinträchtigungen des Naturhaushaltes auszugleichen.
Kulturlandschaften entstanden immer durch menschliche Arbeit, zu deren Aufrechterhaltung gehört auch immer deren entsprechende Bewirtschaftung. Diese hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert, so dass es heute fast nur noch darum gehen kann, die erhaltenen Reste in ihrer heutigen Form zu akzeptieren und unter den heute gegebenen Verhältnissen zu nutzen und zu erhalten. Es müssen Nutzungskonzepte gefunden werden, die in das heutige Wirtschaftsbild passen.


 
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