Verwertung und Vermarktung

Streuobstbestände sind nicht dazu angelegt worden, um besondere Biotope mit entsprechenden vielseitigen Biozönosen zu schaffen, sondern in der Vergangenheit dienten sie fast ausschließlich der Versorgung der Bevölkerung mit Obst. Aus diesem Grund ist eine museale Erhaltung von Streuobstwiesen mit Pflegemaßnahmen aber ohne Obst- und Grünmassenutzung weder anzustreben noch auf größeren Flächen realisierbar. Umweltverträglich erzeugte landwirtschaftliche Produkte würden verschwendet und zusätzlich bestände das Problem der Entsorgung der aus dem Unterwuchs entnommenen Biomasse. Die Vermarktung von Streuobst ist als Mittel zur Erhaltung von Streuobstbeständen im Naturschutz allgemein akzeptiert und als notwendig anerkannt. Sie ist neben Nach- bzw. Neupflanzungen, sachgemäßer Baumpflege und extensiver Grünlandpflege ein methodischer Schritt, um mit Hilfe der Ökonomie den Fortbestand des Biotops „Streuobst“ zu gewährleisten und rezessionsabhängigen Förderprogrammen zu begegnen.
Das Ziel der Bewirtschaftung von Streuobstwiesen sollte demnach eine auf Verwertung basierende Obsterzeugung sein. Im Ertragsalter können jährlich pro Baum ca. 100-400 kg geerntet werden (NAHMEN, v. 2000). Die Vermarktung als Frischobst scheidet meistens wegen ungenügender Ansehnlichkeit der Früchte (EU-Klassifizierung), fehlender Absatzorganisation und aus Kostengründen aus. Äpfel von Hochstammbäumen (alte Sorten) sind jedoch besonders geeignet für die Herstellung von Apfelsaft.

Sehr wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang, dass man den „Streuobstbau“ nicht bundesweit gleich behandeln kann (vgl. Kap. 1.3), sondern dass es darum geht, sehr stark zu differenzieren, und zwar abgestimmt auf die verschiedenen Landschaften und ihre ökologischen Gegebenheiten. Vor allem stellt sich die Frage der Vermarktung in Verbindung mit der Verwertungsindustrie in einer weithin vom Streuobstbau geprägten Landschaft ganz anders als in streuobstarmen Gebieten mit kleinen Flächen .(47) Dort gibt es ganz andere Diskussionen zum Thema Streuobst-Vermarktung in Verbindung mit Fruchtsaftkeltereien, Brennereien, Erwerbsobstbau und dem Obstmarkt allgemein (vgl. ERDRICH (1988), HARTMANN (1988), HÖRSCHGEN u. LOTZ (1991), JANßEN (1988), LUCKE (1988), RÖSLER (1996), WINTER (1988)) als in Sachsen.

Der NABU Sachsen hat sich bei der Vermarktung von Streuobst auf Apfelsaft spezialisiert. Aus diesen Gründen wird in den nächsten Abschnitten auch nur auf die Verwertung und Vermarktung der Äpfel eingegangen. Jedoch sollte in Zukunft auch darüber nachgedacht werden, wie die anderen Obstsorten Birne, Kirsche und Pflaume genutzt werden können.

Verwertung der Äpfel

Der Schwerpunkt der Vermarktungsaktivitäten liegt in Sachsen in der Versaftung von Streuobst, vorrangig von Äpfeln. Die Weinherstellung oder die Obstbrennerei spielt im Gegensatz zu Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz oder Hessen keine Rolle.
Im Folgenden sind diejenigen Punkte aufgelistet, die das Streuobst „Apfel“ aus der Sicht des Verwerters so wertvoll machen (HARTMANN 1988):


• Feste Struktur des Fruchtfleisches (einfache Pressbarkeit). Es ist z.B. gar nicht empfehlenswert, sortenrein zu pressen. Erst die Sortenvielfalt bringt ein gutes Pressergebnis. Hier ist auch die Vielfalt des Reifegrades gemeint.

• Hohe Saftausbeute.
• Hoher und harmonischer Gehalt an Aromen, Farb- und Gerbstoffen, günstiges Zucker-Säure-Verhältnis. Alte Apfelsorten haben einen höheren Gehalt an sekundären Pflanzeninhaltsstoffen (insbesondere Polyphenole) als neugezüchtete Tafeläpfel.

Dreh- und Angelpunkt der Saftvermarktung sind die Keltereien. Der NABU in Leipzig arbeitet bereits seit einigen Jahren mit der „Weinkelterei Schauß“ aus Seebenisch zusammen. Wie bereits oben erwähnt, wird das Streuobst direkt von der Wiese in Container geladen und am selben Tag der Ernte in die Kelterei gefahren. Dort wird völlig getrennt von anderen Lieferungen das Obst der Streuobstwiesen gewaschen, aussortiert (Entfernung von faulem Obst und Fremdteilen wie Laub und Ästen) und anschließend zerkleinert. Die Struktur der Maische (Größe des gemahlenen Obstes) hat einen wesentlichen Einfluss auf die Qualität des Presssaftes (Trubanteile im Presssaft) und die Ausbeute beim Pressen.
Der fertige Apfelsaft wird sofort nach dem Pressen in 0,75 Liter Weißglas-Mehrwegflaschen mit Drehverschluss abgefüllt. Die Abfüllung erfolgt als Heißabfüllung, d.h. der Saft wird auf 80 °C erhitzt, abgefüllt und sofort verschlossen. Es werden keine Konservierungsstoffe verwendet. Saft-Verpackungen aus Kunststoff oder Karton werden vom NABU abgelehnt. In Kisten verpackt kann der NABU Leipzig den Apfelsaft abholen und mit der Vermarktung beginnen. Von der Bereitschaft der Kelterbetriebe, getrennte Obstpresstermine für den Streuobstsaft anzubieten und diesen dann separat zu verarbeiten hängt der Erfolg des Streuobstwiesensaftes ab.

Vermarktung des Apfelsaftes

Die Wahl der Absatzwege wird vor allem vom Produktionsvolumen und von ökologischen Faktoren (Prinzip der kurzen Wege) bestimmt. So vermarkten kleinere Initiativen mit einer jährlichen Produktionsmenge bis 30.000 Liter in der Regel den Apfelsaft vor allem über die Mitglieder der Initiative oder die Erzeuger. Steigt die Produktionsmenge, so kann auch ein Absatz über Getränkemärkte stattfinden und es treten neben den Abnehmern aus privaten Haushalten vermehrt Großabnehmer wie Kantinen in Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser oder der Gastronomie als Endabnehmer auf.
Im Jahr 2004 konnte der NABU Sachsen (Regionalverband Leipzig) 4576 Flaschen Apfelsaft aus Äpfeln der Streuobstwiese Pönitz bzw. von Streuobstwiesen aus dem Kohrener Land pressen lassen. Der Apfelsaft wird derzeit zu einem Preis von 0,90 € pro Flasche (0,75 Liter) verkauft. Bei der Abnahme einer Kiste mit 12 Flaschen kostet die Flasche 0,85 €, bei der Abnahme von 10 Kästen kostet jede Flasche 0,75 € und beim Kauf von 20 Kästen ist nur noch ein Preis von 0,25 € pro Flasche zu zahlen. Die Abnehmer sind Privathaushalte, kleine Bioläden, Mütterzentren und einzelne Gaststätten. Auf Wunsch werden größere Mengen auch vom NABU angeliefert. Der vom NABU hergestellte Streuobst-Apfelsaft trägt bisher weder das NABU-Qualitätszeichen (48) noch ein Bio-Siegel. Mindestens ein Zeichen soll jedoch bis zum nächsten Jahr auf dem Etikett erscheinen und so dem Verbraucher die Qualität des Saftes anzeigen.
Die Einführung des wertvolleren „Bio-Siegels“ favorisiert, da für den Verbraucher durch die Aufschrift „Bio“ eher der Wert des Saftes erkennbar ist uns das Bio-Siegel auch nur nach Antrag bei Erfüllung aller Auflagen verteilt wird.
Auf dem Etikett ist erkennbar, dass es sich um Streuobstwiesensaft handelt. Dies halte ich für sehr wichtig, denn in der Praxis existiert immer noch das Problem, dass im Rahmen des ökologischen Landbau auch Obst aus Niederstammpflanzungen angeboten werden kann, welches billiger als solches von Streuobstbeständen ist. Für Händler und Verbraucher sind diese unterschiedlichen Preise nicht verständlich. Solange das Obst nicht eindeutig unterschiedlich gekennzeichnet ist, kann der höhere Aufwand bei der Bewirtschaftung von Streuobstflächen nicht entsprechend bezahlt werden, wodurch das Interesse an der Erhaltung von Hochstämmen zunehmend sinken wird.
Streuobst-Saft ist ein regionales Produkt, und diese Tatsache sollte den Verbrauchern klar gemacht werden. So wird die Region, aus der das Streuobst stammt, auf dem Etikett benannt. In diesem Jahr ist die Angabe des NABU-Streuobstsaftes jedoch ungenau, denn die Äpfel für den Saft stammen, wie oben beschrieben, aus Pönitz und dem Kohrener Land. Dies beruht auf der Tatsache, das bis zur Ernte in Pönitz nicht genau sicher war, ob an diesem Standort wirklich geerntet werden kann und wie hoch die Ernte letztendlich ausfällt. Aus diesem Grund wurde auf das Etikett des vorangegangenen Jahres zurückgegriffen. Wenn vom Eigentümer der Streuobstwiese Pönitz die Nutzung der Wiese für die nächsten Jahre vertraglich zugesichert ist, wird das Etikett bis zur Ernte 2005 geändert und bei Vergabe des Bio-Siegels um deren Aufdruck erweitert.


(47) Über 190 Mio. Liter Saft wurden beispielsweise im Jahr 1994 in Fruchtsaftkeltereien Baden-Württembergs gekeltert, das entspricht etwa 40 % der Gesamtproduktion ganz Deutschlands (STIFTUNG NATURSCHUTZFONDS BEIM MINISTERIUM LÄNDLICHER RAUM BADEN-WÜRTTEMBERG 1997). Der Förderkreis regionaler Streuobstbau (FÖS) Hohenlohe-Franken e.V. (Grünspechtprojekt) hatte im Jahr 2002 z.B. einen Absatz von 175.000 l Apfelsaft, er sammelte Streuobst an 4 Annahmestellen in der Region, die drastische Steigerung des Abverkaufs ist auf ein stimmiges Gesamtkonzept und den persönlichen Einsatz der Beteiligten zurückzuführen (vgl. BOETTGER 2003).
(48) Das NABU-Qualitätszeichen für Apfelsaft aus Streuobstanbau ist ein Gütezeichen, das als Gemeinschaftszeichen von mehreren Initiativen geführt wird.


 
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